Sketche für zwei Personen
Sketche für drei oder mehr Personen
Sketche für zwei Personen
Personen: Amtsvorsteher,
Angestellte
Requisiten: Büroausstattung oder
auch nur Tisch und Stühle, Kaffeekanne, Tasse,
Tablett
| Amtsvorsteher: |
liegt mit dem Kopf auf der Tischplatte und
schnarcht in allen Tonarten. |
| Angestellte: |
kommt von links mit Kaffekanne und Tasse,
räuspert sich: Hm! - Hm! |
| Amtsvorsteher: |
schnarcht weiter |
| Angestellte: |
etwas energischer Herr Amtsvorsteher! Rüttelt
an seiner Schulter Herr Amtsvorsteher!! |
| Amtsvorsteher: |
Richtet sich schlaftrunken auf, reibt sich
die Augen: Jaa! - Was gibts denn? |
| Angestellte: |
Herr Amtsvorsteher, ich wollte ihnen nur
sagen, es ist 12 Uhr, Mittagspause. |
| Amtsvorsteher: |
Ach, lassen sie nur, ich arbeite heute durch.
Legt den Kopf wieder auf den Arm und schnarcht
weiter. |
Personen: Ein Beamter, ein
Mann
Dauer: ca. 10 Minuten
Requisiten: Eine angedeutete
Amtstube mit Schreibtisch, Schreibunterlagen,
Armbanduhr, Etwas zum Frühstücken, Schrank mit
Schubfächern
Die Szene spielt in einer Amtsstube. Der Beamte
sitzt hinter seinem Schreibtisch und frühstückt. Im
Hintergrund ein Schrank mit Schubfächern, in denen
Karteikarten sind. Es klopft mehrmals, aber der
Beamte lässt sich nicht stören. im Gegenteil. Er
schaut auf seine Uhr, dann nimmt er eine Zeitung vor
und liest, während er sein Brot langsam verzehrt.
Plötzlich öffnet sich die Tür. Der Mann kommt herein
und bleibt an der Tür stehen. Er räuspert sich, aber
der Beamte reagiert nicht:
| Mann: |
Bitte, entschuldigen Sie, ich … |
| Beamte: |
(schaut kurz auf) In einer Minute, mein Herr.
Wir sind hier äußerst genau. |
| Mann: |
Aber ich … |
| Beamte: |
Können Sie denn nicht wenigstens noch 50
Sekunden warten? Ich kann ja Ihretwegen
schließlich nicht nochschneller kauen! |
| Mann: |
Aber es ist dringend! |
| Beamte: |
Nun passen Sie mal auf, ja? - Alles, was ich
bearbeite, ist dringend. (Er packt den Rest
seines Brotes wieder ein und schiebt das Päckchen
unter den Schreibtisch.) Dringend, sage ich! (Er
schaut auf die Uhr, dann stößt er plötzlich
hervor): Name? |
| Mann: |
Sebald. Karl Sebald. |
| Beamte: |
Wo wohnen Sie? |
| Mann: |
In der Karlstraße 9. |
| Beamte: |
Geboren? |
| Mann: |
Ja! |
| Beamte: |
Ihre Geburt? |
| Mann: |
War ´ne Katastrophe? |
| Beamte: |
Ja, das kann ich mir vorstellen. Das Datum
dieser Katastrophe will ich wissen? |
| Mann: |
Am ...19... (Geburtstag je nach Alter des
Spielers einsetzen.) |
| Beamte: |
Und wo ist diese Katastrophe passiert? |
| Mann: |
In Krotzenburg. |
| Beamte: |
Schön. Nun warten Sie mal! (Er steht auf und
geht zu dem Karteischrank.) Sind Sie hier
amtsbekannt? |
| Mann: |
(stottert und tritt von einem Fuß auf den
anderen) Ja - nein. Ich war schon mal hier. Aber
nur kurz. Jetzt - ich wollte … |
| Beamte: |
Ruhe doch! Wie soll ich denn da etwas finden
können? (Er sucht in der Kartei und dreht sich
verblüfft um.) Sie gibt es überhaupt nicht! |
| Mann: |
Ich bin doch aber hier! |
| Beamte: |
Aber nicht da! (Deutet auf die Kartei.) Das
werden wir gleich haben … |
| Mann: |
Könnten Sie mir denn nicht, also, ich wollte
nur … |
| Beamte: |
(hat eine Karteikarte zum Schreibtisch
mitgenommen und setzt sich nun wieder) Name? |
| Mann: |
Hören Sie! |
| Beamte: |
Name? |
| Mann: |
Sebald. Karl Sebalt, wohnhaft Karlstraße 9,
geboren am … |
| Beamte: |
(notiert) Beruf? |
| Mann: |
Hausmeister. |
| Beamte: |
Wo? |
| Mann: |
In der Goetheschule. |
| Beamte: |
(hat alles notiert und schaute den Mann an)
Sehen Sie? Nun haben wir's schon. Merken Sie sich
eins, Herr Sebald. Sie kommen immer sofort dran,
wenn Sie hier amtsbekannter sind. Passen Sie mal
auf! |
| Mann: |
Aber ich wollte doch … |
| Beamte: |
(steht wieder auf und legt die Karteikarte zu
den übrigen, dann setzt er sich und sagt) Sie
wünschen? Sind Sie hier amtsbekannt? |
| Mann: |
Aber das wissen Sie doch! |
| Beamte: |
Name? |
| Mann: |
Sebald. Karl Sebald, geboren am … |
| Beamte: |
Halt! Und nun passen Sie auf! (Er sucht nach
der Karteikarte, findet sie, nimmt sie mit zum
Schreibtisch, setzt sich und liest sie durch.)
Sebald, Karl, aha, da haben wir's. Karlstraße 9.
Stimmt's? |
| Mann: |
Natürlich stimmt's: |
| Beamte: |
Dann sind Sie hier amtsbekannt! - Bitte sehr,
worum handelt es sich? |
| Mann: |
Hören Sie! Ich brauche dringend den Schlüssel
für die Toilette! (Licht aus!) |
Personen: Beamter, Herr
Spieldauer: ca. 6 Minuten
| Beamter: |
.... acht und drei ischt elf und null ischt
immer noch elf und drei ischt vierzehn und acht
ischt zwoiazwanzig und sieben ischt neunezwanzg -
neun hin, zwoi im Sinn - zwoi und oins ischt drei
und vier ischt sieben und ... (wendet sich an den
Besucher) Send sie scho lang hier? |
| Herr: |
Seit vorgestern! |
| Beamter: |
(telefoniert) Oberle, hallo, Oberle, saget
sie mal, i bin grad ausm Urlaub komme, und da
steht ein Herr und sagt, er wart scho seit
vorgeschtern. Ja, sagte sie mal, Oberle, warum
hend sie denn den Mann net geschtern scho
abgfertigt?? |
| Herr: |
(unterbricht) Aber ich meinte doch ... |
| Beamter: |
Moment, Oberle! |
| Herr: |
- ich bin seit vorgestern hier in
Pfullingen! |
| Beamter: |
Ach so! Ischt scho gut, Oberle, ischt scho
gut! (hängt ein) Und was wellet sie hier in
Pfullingen? |
| Herr: |
Ich möchte hier arbeiten, ich bin nämlich
hierher versetzt worden, und da möchte ich mich
gerne hier niederlassen. |
| Beamter: |
Na, dann setzet sie sich halt. Also arbeite
wellet sie hier? Und warum kommenet sie dann
ausgrechnet zu uns? I hab do selbscht nix zum
Tun! |
| Herr: |
Ich möchte ja nicht bei ihnen arbeiten, ich
möchte von ihnen nur eine Wohnung. |
| Beamter: |
Oine Wohnung, oine Wohnung! Und da kommet sie
ausgerechnet zu uns! |
| Herr: |
Ja |
| Beamter: |
Ja, ja, ja, ja, ja, des kann jeder sage, ja,
ja. Warum, will i wisse. |
| Herr: |
Na schließlich ist hier doch das Wohnungsamt,
oder? |
| Beamter: |
Wohnungsamt, Wohnungsamt! Wann sie zum
Gsundheitsamt gehet, krieget sie denn Gsundheit?
Noi. Oder wenn sie zum Finanzamt gehet - krieget
sie denn Finanze? Noi, im Gegenteil! Oder wann
sie zum Bürgermeisteramt gehet - krieget Sie denn
oin Bürgermeister? Noi - aber sie kommet zum
Wohnungsamt und wellet oine Wohnung! Send sie
sich überhaupt bewußt, was sie von uns
verlanget? |
| Herr: |
Aber wo soll ich sonst hingehen, wo doch ein
Wohnungsamt... |
| Beamter: |
Kaufe, kaufe! Sie könnet sich doch eine
Wohnung kaufe! |
| Herr: |
Aber dazu habe ich kein Geld. |
| Beamter: |
Schaffe, schaffe, daß das Geld beikommt. |
| Herr: |
Aber ich kann doch erst arbeiten, wenn ich
eine Wohnung habe! |
| Beamter: |
Da hend sie au wieder recht. - Send sie
verheiratet? |
| Herr: |
Ja. |
| Beamter: |
Au das noch. - Hend sie Kinder? |
| Herr: |
Zwei Kinder. |
| Beamter: |
Au das noch. - Hend sie sonst no was - hend
sie a aschteckende Krankheit oder hend sie
Haustiere? |
| Herr: |
Ja, einen Hund. |
| Beamter: |
Au das noch! Ja saget sie mal, was hend sie
denn net? |
| Herr: |
Eine Wohnung. |
| Beamter: |
Da hend sie au wieder recht - Sie send also
oin Wohnungssuchender? |
| Herr: |
Ja, gewissermaßen. |
| Beamter: |
Interessant, fürwahr äußerscht interessant.
Aber jetz will i ihne mal was sage: Hier in
Pfullingen gibt es 28 Wohnungssuchende, und jetzt
kommet sie daher und bringet mir mei ganze
Rechnung durcheinander. Jetz kann i grad wieder
von vorn afange. Ja gleubet sie denn, i hab mei
Zeit gstohle? |
| Herr: |
Verzeihen sie, Herr Inspektor ... |
| Beamter: |
Oberinpektor, bitte. Aber nennet sie mich bei
meinem Namen, das klingt menschlicher. Mein Name
ischt Gruber. |
| Herr: |
Verzeihung Herr Obergruber - Herr Gruber,
aber sie brauchen doch mit ihrer Rechnung nicht
von vorn anzufangen. |
| Beamter: |
Wiso? |
| Herr: |
Na, wenn sie mir eine Wohnung geben, dann bin
ich doch kein Wohnungssuchender mehr! |
| Beamter: |
Jetz hend sie wieder recht. |
| Herr: |
Na, wäre da nichts zu machen? |
| Beamter: |
Überlegen, überlegen - halt, i habs! da wär
eine Wohnung in der Bismarkstraße 12. |
| Herr: |
Aber das ist ja herrlich! |
| Beamter: |
Noi! Die Wohnung in der Bismarkstraße darf
erscht vergeben werden, wann die Wohnung in der
Schillerstraße 9 vergeben ischt. |
| Herr: |
Dann geben sie mir doch die Wohnung in der
Schillerstraße 9! |
| Beamter: |
Noi! Die darf erscht vergeben werden, wann
die Wohnung in der Kaiserstraße 20 vergeben
ischt, und die Wohung in der Kaiserstraße 20 darf
erscht vergeben werden, wenn die Wohnung in der
Mozartstraße 38 vergeben ischt. |
| Herr: |
Und was ist mit der Wohnung in der
Mozartstraße 38? |
| Beamter: |
Das ischt eine Zwölf-Zimmer-Wohnung! - Aber
passet sie auf, mir machet da jetz oinen kleinen
Schwindel! Sie ziehet zuerscht für ein paar Tag
in die Wohnung Mozartstraße 38, dann ziehet sie
für ein paar Tag in die Wohnung Kaiserstraße 20,
dann ziehet sie für ei paar Tag in die Wohnung
Schillerstraße 9, und dann ziehet sie endgültig
in die Wohnung Bismarkstraße 12. Das ischt
nömlich für sie genau das richtige: Verheiratet,
zwoi Kinder, oin Hund --- Send sie
oinverstonden? |
| Herr: |
Gerne. Aber können sie mir darüber vielleicht
eine kleine Bescheinigung geben? |
| Beamter: |
Noi, i hab jetz Dienstschluß und muß hoim in
mei gschäft. |
| Herr: |
Ja, haben sie denn noch einen anderen
Beruf? |
| Beamter: |
Ja, i bin Spediteur. |
Sketche für drei oder mehr Personen
Personen: Postangestellter mit
Brille, spießiger Typ, Herr A, Herr B, Herr C, eine
Frau
Spieldauer: ca. 12 Minuten
Requisiten: Pappuhr mit
beweglichen Zeigern, (Schein-)Telefon, Aktentasche
mit Kleinkram, Taschenmesser, belegtes Brötchen,
Schere, Personalausweis
Szene: Ein Geldabholschalter mit
Uhr darüber; Telefon auf dem Schaltertisch
| Postler: |
(Im Schalter sitzend, sortiert Papiere, dicht
darauf sehend) |
| Herr A: |
(erscheint mit gefüllter Aktentasche; er
sucht in seinen Taschen, bringt einen Zettel
hervor, wartet) |
| Postler: |
(reagiert nicht) |
| Herr A: |
(wartet erst noch geduldig, schiebt dann den
Zettel näher zum Postler hin) |
| Postler: |
(reagiert nicht) |
| Herr A: |
(hält Zettel an die - nicht vorhandene
Glasscheibe) |
| Postler: |
(reagiert noch immer nicht) |
| Herr A: |
(klopft an die Glasscheibe und zeigt den
Zettel) |
| Postler: |
(schiebt endlich Glasscheibe hoch, legt mit
Nachdruck den Zettel wieder vor Herrn A hin und
schickt dabei vorwurfsvollen Blick über die
Brille, dazu missbilligendes Kopfschütteln) |
| Herr A: |
(schiebt den Zettel wieder vor) Ich habe hier
eine Benachrichtigung erhalten... |
| Postler: |
(spitzt seinen Bleistift liebevoll an) Mo -
ment bitte! |
| Herr A: |
(wartet wieder, dann hebt er den Zettel dicht
vor dem Postler hoch) Ich habe diese
Benachrichtigung erhalten, daß... |
| Postler: |
(wischt die Holzabfälle zusammen, dabei fällt
Bleistift hinunter) Mo - ment bitte, sagte ich!
(Er bückt sich nach dem Stift, kommt langsam
hoch, betrachtet den Bleistift, ob die Spitze
abgebrochen ist) |
| Herr A: |
(Auf den Zettel pochend) Ich habe hier
eine... |
| Postler: |
(Mit prüfendem Blick über die Brille) Sie
heißen? |
| Herr A: |
Aumüller, August... |
| Postler: |
Wieso Au? |
| Herr A: |
Nicht Au, sondern Aumüller! August
Aumüller! |
| Postler: |
Stottern Sie? |
| Herr A: |
Nein - warum? |
| Postler: |
Tut ihnen etwas weh? |
| Herr A: |
Durchaus nicht - weshalb denn? |
| Postler: |
Dann brauchen sie doch nicht Au zu sagen! Sie
heißen Müller? |
| Herr A: |
(schüttelt den Kopf) Au--! Aumüller! |
| Postler: |
Was denn nun schon wieder! Sie mit ihrem
blöden Au! Wollen sie mich etwa zum besten
halten? |
| Herr A: |
Aber ich heiße doch so! |
| Postler: |
Sie heißen AU? |
| Herr A: |
Hören sie schlecht? Ich heiße August
Aumüller! |
| Postler: |
(abfällig) August Aumüller! Muß ja ein Fehler
sein! (Er blättert in den Geldanweisungen) Für
Müller ist keine Geldanweisung dabei! |
| Herr A: |
(ungeduldig) Aber für Aumüller muß eine da
sein - hier ist doch die Benachrichtigung |
| Postler: |
(blättert weiter) Für August ist auch keine
da |
| Herr A: |
Suchen sie doch nach Aumüller, denn so heiße
ich. |
| Postler: |
das sind sie selber? |
| Herr A: |
Na, ja gewiss doch |
| Postler: |
Und warum soll ich nach ihnen suchen, wenn
sie doch vor mir stehen? |
| Herr A: |
(Außer Fassung) Nach der Geldanweisung für
Aumüller sollen sie suchen! |
| Postler: |
(beleidigt) Hören sie, sie haben mir hier
keine Vorschriften zu machen, wie ich meinen
Dienst versehen soll - (ereifert sich noch mehr)
sie - ich tue meine Dienst schon seit dreißig
Jahren - und immer korrekt - immer korrekt! |
| Herr A: |
(begütigend) Ja, natürlich! Aber bitte, nun
zahlen sie mir doch die Geldanweisung aus. Haben
sie sie nun endlich gefunden? |
| Postler: |
(hält die Geldanweisung an die Augen)
Aumüller August - komisch - also doch Aumüller!
Hätte ich wirklich nicht gedacht - (scharf)
wohnhaft? |
| Herr A: |
Hornbiegelstraße 19. |
| Postler: |
(legt die Geldanweisung wieder weg) Dann sind
sie's nicht! |
| Herr A: |
(ärgerlich) Aber es gibt keinen anderen
Aumüller in unserer Straße außer mir! |
| Postler: |
(stur) Ja, vielleicht in ihrer Straße! |
| Herr A: |
Was soll denn das nun wieder heißen? |
| Postler: |
Naja, in ihrer Hirnbiegelstraße |
| Herr A: |
Horn - Hornbiegelstraße - nicht Hirn |
| Postler: |
Hab ich doch gesagt! Hirnbiegelstraße. |
| Herr A: |
Wollen sie mich verspotten? Oder worauf
wollen sie überhaupt hinaus? |
| Postler: |
(sehr amtlich) Die mir vorliegende
Geldanweisung lautet auf August Aumüller in der
alten Bahnhofstraße 19 und nicht an sie! |
| Herr A: |
Ach so, deshalb! Unsere Straße ist umbenannt
- umbenannt von Alte Bahnhofstraße jetzt in
Hornbiegelstraße. Es ist dieselbe Straße - hören
sie - dieselbe Straße! Und ich bin der Empfänger
der Geldanweisung. Hier habe ich doch die
Benachrichtigung Ihres Kollegen. |
| Postler: |
Also wenn es zuerst die "Alte Bahnhofstraße"
war und jetzt die Hirn - eh - die
Hornbiegelstraße ist, kann es ja unmöglich
dieselbe Straße sein, sonst - (überheblich) wärs
nämlich doch noch die "Alte Bahnhofstraße"! Ist
doch logisch, oder etwa nicht? |
| Herr A: |
(Macht eine verzweifelte Geste) |
| Postler: |
(amtlich) Außerdem: Eine Geldsendung geht
mindestens zwei bis drei Tage, und in zwei bis
drei Tagen wird keine Straße umbenannt. |
| Herr A: |
Das Geld habe ich gewonnen - gewonnen bei
einem Preisausschreiben. |
| Postler: |
Was sie nicht sagen. |
| Herr A: |
Bei einem Preisausschreiben vor vier Monaten
- na ja, und damals hieß unsere Straße noch "Alte
Bahnhofstraße" und darum steht es auch so auf der
Geldanweisung, weil es auch so auf meinem
Absender gestanden hat - versteh'n sie das? |
| Postler: |
Nein. |
| Herr A: |
Mein Gott, so glauben sie mir doch! |
| Postler: |
Sie reden reichlich wirres Zeug, wissen sie
das? |
| Herr A: |
(aufgeregt) Und - und das hier - die
postalische Benachrichtigung - ein amtliches
Papier! Von ihrem Kollegen, der immer unsere
Straße bearbeitet! |
| Postler: |
Der kann ja versetzt worden sein in ihre
Hornbiegelstraße. |
| Herr A: |
(entgeistert) Mann - so nehmen sie doch
Vernunft an. |
| Postler: |
(gekränkt) Wenn einer hier vernünftig ist,
dann bestimmt ich! Ich handle nach meinen
Vorschriften! |
| Herr A: |
Ist ja gut, aber - nun machen sie schon! |
| Postler: |
(greift zum Telefon) Das muß ich mir erst
amtlich bestätigen lassen, daß die Straße
umbenannt ist. Ja?? Bitte den Herrn Vorsteher!
Ja, Herr Vorsteher - hier Geldschalter Nr. 1,
Stempelmeier am Apparat. Herr Vorsteher - ja,
Stempelmeier - ich habe hier einen schwierigen
Fall - eine Geldsendung für Müller - nein für
August Müller - eh - wollte sagen (studiert den
Geldschein) für August Aumüller. Ja so wars:
August Aumüller - in der alten Bahnhofstraße 19 -
sagt er wenigstens. Bitte, hab ich das Recht die
Sendung auszuliefern, so doch die Straße nicht
stimmt - ja? Bitte? Ich soll warten? - Ja, Herr
Vorsitzender - ja, ich warte. |
| Herr B: |
(erscheint) |
| Herr A: |
(ungeduldig) Also so etwas! Da freut man
sich, daß man einen schönen Gewinn abholen kann -
und nun dieser Bürokratismus - diese entsetzliche
Umständlichkeit |
| Herr B: |
(staunt) Einen Gewinn? Einen schönen Gewinn,
sagten sie? |
| Herr A: |
(nickt, mit den Fingern trommelnd) |
| Postler: |
Ja? Aha, danke - Herr Vorsteher, danke -
dasselbe - äh - dieselbe - vielen Dank (legt
Hörer auf) Also, sie haben Glück - es ist
wahrhaftig die selbe Straße |
| Herr A: |
Sagte ich doch! |
| Postler: |
Gut, also das stimmt - nun bitte ihren
Ausweis - ihren gültigen Personalausweis! |
| Herr A: |
Meinen - ja ja, natürlich - meinen
Personalausweis - (sucht in seinen Taschen) - na,
wo ist er denn - (sehr nervös) - zum Donnerwetter
- ich hatte ihn doch eingesteckt. |
| Herr B: |
Vielleicht in ihrer Aktentasche? |
| Herr A: |
(durchsucht seine Aktentasche, es wird alles
einzeln herausgenommen, manches fällt herunter,
alles sehr schnell und aufgeregt) |
| Postler: |
(schaut gelangweilt zu) |
| Herr C: |
(erscheint, blickt verwundert) |
| Herr B: |
(zu ihm vertraulich) Der Mann hat einen
großen Lottogewinn gemacht und will ihn hier
abholen - aber er findet seinen Personalausweis
nicht. |
| Herr C: |
(eifrig zu A) Wenn ich ihnen behilflich sein
kann? |
| Herr A: |
Aber ich weiß - ich habe ihn mitgenommen -
ich kann es beschwören - (sucht wieder in seinen
Taschen) |
| Herr C: |
Vielleicht ist er doch noch bei ihnen zu
Hause - ich habe meinen Wagen draußen, ich könnte
sie schnell hinfahren! |
| Herr A: |
Ach, danke - nein, er muß hier sein - (alle
suchen auf dem Schalterbrett, auf dem Boden,
wieder wird die Aktentasche durchwühlt) |
| Herr A: |
(durchsucht seine Hosenaufschläge, seine
Schuhe, seine Ärmel) |
| Postler: |
(packt sein Brötchen aus und ißt
teilnahmslos) |
| Frau: |
(erscheint) Nanu, was ist denn hier los? |
| Herr C: |
(zu ihr) Der Herr da hat einen riesigen
Lottogewinn gemacht, aber er hat seinen
Personalausweis hier irgendwo verloren. |
| Frau: |
(abseits, pfiffig) Klar, da muß man helfen -
und dann wird er sich erkenntlich zeigen!
(Resolut zu Herrn A) Na, guter Mann, wo haben wir
noch nicht gesucht? |
| Herr A: |
(Ziemlich erschöpft) Überall - überall
gesucht - und dabei weiß ich ganz genau, daß ich
ihn eingesteckt habe! |
| Frau: |
(faßt mit schneller Bewegung in die
Innentasche Herrn A's) |
| Herr A: |
(empört) Aber sie, was erlauben sie sich!
(Alles horcht auf) |
| Postler: |
(dreht kauend langsam den Kopf) |
| Frau: |
(triumphierend) Sehen Sie, das dachte ich
mir! Ein Loch, ein Loch in ihrer Innentasche!
(Sie tastet an dem schockierten A herunter, alle
sehen gespannt zu) Da - da - da ist er! Warten
sie - das haben wir gleich! Im Futter ganz unten
sitzt er - das Futter müssen wir natürlich
auftrennen! (Sie kramt in ihrer Handtasche,
bringt eine Schere zum Vorschein. Herr B und Herr
C ziehen dem Herrn A die Jacke aus) |
| Frau: |
Gut, daß ich immer eine Schere bei mir habe,
sehen sie, Herr Lottokönig, so kann ich ihnen
helfen! (sie schiebt die Jacke auf das
Schalterbrett, um aufzutrennen, dabei fällt
erneut die Aktentasche herunter und alles heraus
- niemand achtet darauf, denn die Frau bringt den
Ausweis zutage) Hier mein Herr, bitte - ihr
Personalausweis, na, wie habe ich das
gemacht? |
| Herr A: |
(erleichtert, aber fertig) - Ja, ja, vielen
Dank! (nimmt den Ausweis, drängt sich durch die
anderen zum Schalter, alle drängen nach, recken
die Hälse) |
| Herr A: |
(seinen Ausweis offen hinhaltend) Sie - also
hier - bitte schwarz auf weiß, August Aumüller,
Hornbiegelstraße 19 - ehemals "Alte
Bahnhofstraße" 19 - alles in Ordnung. |
| Postler: |
(legt langsam sein Brotpapier zusammen) |
| Herr A: |
Und nun - (die Uhr über dem Schalter rückt
auf 18 Uhr) |
| Postler: |
und nun ist's 18 Uhr - Schalterschluß für
heute! (Er läßt das Innenrolleau herab) Licht
aus. |
(NB: Die Uhr kann natürlich auch im Hintergrund
sein und dort deutlich ertönen)
|