Mit eigenen Augen, Geschichte – Festgestaltung

Mit eigenen Augen

Als Stefan aufwachte, musste er blinzeln, weil bereits hell und freundlich die Sonne in sein Zimmer schien. Er stand auf und ging ans Fenster. Bunte Krokusse und Osterglocken blühten im Garten, und bald würden die Weiden ihre Blüten öffnen. Die Vögel zwitscherten, und während ihres Morgenkonzerts trällerte eine Meise ihm zu „Ich bin hier“, und eine Amsel flötete „Du bist da.“ Stefan presste seine Nase an die Scheibe. Sie beschlug zwar nicht, aber trotzdem fühlte sie sich ganz schön kühl an.

Er sah, wie Bello um die Ecke bog, nein: schlenderte, den Schwanz hoch in der Luft, die Nase am Boden. Plötzlich stutzte er, spitzte seine Dackelohren, so gut es ging, und pirschte sich vorsichtig an die mächtige Tanne heran, die am Nachmittag ihren Schatten bis in Stefans Zimmer werfen würde. Seinerzeit war Bello ein gefürchteter Jäger gewesen, aber naja … Das war lange her. Laut bellend stürzte er sich auf die Tanne. Etwas Braunes, Behaartes schoß unter den dichten Zweigen hervor, schlug einen blitzschnellen Haken und war auch schon verschwunden. Ein Hase. Stefan sah ihn ganz deutlich. „Der Osterhase“, dachte er und war auf einmal ganz aufgeregt.

Verdutzt ob seines schnellen Sieges schüttelte Bello sich, kläffte noch einmal lustlos und neigte den Kopf zur Seite, als er die Stimme seines Herrn hörte. Stefans Großvater rief: „Bello!“ Bello ignorierte den Befehl hochmütig, trottete zu seinem Lieblingsbusch, umrundete ihn, so dass er nicht mehr zu sehen war – außer für Stefan, der ja am Fenster stand – und hob das Bein, was ihm an dieser Stelle absolut verboten war. Nach getaner Verrichtung machte er kehrt, und gerade in dem Augenblick, als sein Herrchen zum zweiten Mal Bello!“ rief, stand er vor ihm, als ob nichts gewesen wäre, mit treuem Hundeblick und zaghaft mit dem Schwanz wedelnd. „Brav“, sagte Stefans Großvater und beugte sich in die Knie, um dem Dackel über den Kopf zu streicheln.

Stefan wandte sich vom Fenster ab. Er bekam nicht mit, wie der alte Mann über den Rasen ging und sich an der Tanne zu schaffen machte. Umso verwunderlicher war er, als Stefan später, beim Ostereiersuchen, gar nicht lange brauchte, bis er sein Nest fand. Zielstrebig ging er zu dem Baum und sah unter den dichten Zweigen nach. Verlegen kratzte sein Großvater sich am Ohr, als Stefan ihm stolz das Nest mit den bunten Eiern präsentierte. „Im nächsten Jahr muss ich mir etwas Besseres einfallen lassen“, dachte er. Aber Stefan dachte nur daran, dass dort der Osterhase gesessen hatte, bis Bello ihn aufscheuchte. Er hatte ihn schließlich mit eigenen Augen gesehen.

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