Übersicht
Was haben wohl der Esel und das Schaf gedacht
Autor: unbekannt
Mitwirkende: Esel, Schaf
1. Teil
| Esel: |
Nun rück schon ein bisschen zur Seite. Ist ja
nicht auszuhalten, wie du dich hier breit machst.
Und lass mir gefälligst etwas von dem Stroh übrig.
Du nimmst dir sowieso immer schon viel zu
viel. |
| Schaf: |
Was willst du denn noch alles, du alter Esel!
Seit diese Neuen da sind, ist eben nicht mehr so
viel Platz im Stall. Da müssen wir uns halt mit dem
begnügen, was wir haben. |
| Esel: |
Ja richtig. Ständig diese Neuen. Die gehen mir
so was von auf die Nerven. Seit der ach wie
hochgeborene Kaiser im fernen Rom diese nervige
Volkszählung angeordnet hat, kommen ständig neue
Leute in den Gasthäusern vorbei. Und wo lassen sie
ihre Pferde und Maultiere? Natürlich hier, im
Stall. Als wenn wir nicht sowieso schon zu wenig
Heu hätten. |
| Schaf: |
Das ist eben so bei einer Volkszählung. Alle
Leute sollen bis zur Volkszählung in ihre
Geburtsstadt zurückkehren, damit sie nicht aus
Versehen zweimal gezählt werden. Da ist eben viel
los auf den Straßen. Und in den Gasthäusern
auch. |
| Esel: |
Ja, ja, deswegen also der ganze Verkehr.
Einfach fürchterlich. Gerade erst gestern sagte mir
Emma - du weißt schon, das ist die Leghenne von
Bauer Levi - also, gerade erst gestern sagt sie zu
mir: "Esel - das mit dem Verkehr ist doch glatt
eine Katastrophe. Dass die das mit der Volkszählung
auch noch ausgerechnet im Winter machen müssen.
Typisch Bürokratie. Im Sommer könnten die ganzen
Leute ja wenigstens draußen schlafen. Und ihre
Tiere würden uns nicht die Bude einrennen." |
| Schaf: |
Emma scheint ja wirklich zu leiden. |
| Esel: |
Das kannst du wohl sagen. In ihrem Stall ist es
auch sehr voll. Neulich ist ihr so ein Kamel auf
den Fuß getreten, seitdem hat sie wieder
schreckliche Hühneraugen. Zumindest, da sage ich zu
Elma: „Das ist eben Politik. Das war immer
so, das ist immer so, und das wird immer so sein.
Als nächstes kommt die Steuererhöhung, pass
auf.“ |
| Schaf: |
Meckere nicht ständig, du bist doch keine
Ziege. Immerhin zahlst du doch gar keine
Steuern. |
| Esel: |
Nein, noch nicht, noch nicht. Aber seit die
Römer unser schönes Israel erobert haben, ist es
doch nur eine Frage der Zeit, bis auch wir Tiere
dran sind. Jetzt haben wir das Jahr 1 vor unserer
Zeitrechnung. In einer Woche ist Sylvester. Zur
Jahreswende kommen immer die Steuererhöhungen. Und
wer weiß, was dann kommt. Wenn der Kaiser sich bis
dahin eine Steuer auf Heu ausgedacht hat, schauen
wir erst mal blöd aus der Wäsche. |
| Schaf: |
Du, Esel, wir haben jetzt das Jahr 1 vor der
Zeit. Letztes Jahr war das Jahr 2 vor unserer Zeit.
Das heißt doch, dass wir rückwärts zählen, oder?
Warum zählen wir eigentlich rückwärts? Ich meine,
worauf warten wir eigentlich? Was wird denn
passieren? |
| Esel: |
Was weiß ich denn. Sehe ich etwa aus wie ein
Prophet? Nein. Ich sehe aus wie ein armer Esel, mit
akutem Mangel an Liebe, Auslauf und Futter.
(Kurzes Schweigen.) |
| Schaf: |
Esel? |
| Esel: |
Ja, Schaf? |
| Schaf: |
Was ist denn ein Prophet? |
| Esel: |
Ein Prophet ist jemand, durch den Gott spricht,
Schaf. Ehrlich, ich hab nicht viel Ahnung von Gott,
weißt du, und ich hab nicht viel Ahnung von unserer
Zeitrechnung, aber falls er wirklich mal vorhatte,
was am Lauf dieser Welt zu verändern - und zwar
wirklich zu verändern - dann wäre, so wie's hier
gerade aussieht, wahrscheinlich die kommende
Jahreswende genau der richtige Zeitpunkt dazu. |
| Schaf: |
Meinst du denn, er kann etwas verändern? |
| Esel: |
Ich sagte bereits, ich weiß nicht viel über
Gott. Aber eins kann ich dir sagen: Wenn es
jemanden gibt, der etwas verändern kann in dieser
Welt, dann ist es wohl Gott. Wenn er nichts
verändert, sehe ich schwarz. (LIED: Kommet nach
Bethlehem) |
2. Teil
| Schaf: |
So langsam wird es wirklich eng hier drin.
Jetzt sind schon wieder ein paar Neue gekommen. Ich
glaube, es sind zwei auf einmal. |
| Esel: |
Was sind es denn diesmal? Maultiere? Kamele?
Oder etwa Hunde? Hunde nehmen weniger Platz weg,
aber sie riechen strenger. |
| Schaf: |
Du, ich kann das fast gar nicht erkennen, Esel.
Das Dromedar steht mir genau im Blick. |
| Esel: |
Na ja, typisch Dromedar. Nur ein Höcker, aber
der ist immer im Weg. |
| Schaf: |
Ich glaub ... es ist ... was Zweibeiniges
... |
| Esel: |
O nein! Gänse! Wenn die so viel reden wie die
letzten, kriegen wir die ganze Nacht kein Auge
zu! |
| Schaf: |
Sie sind viel größer... |
| Esel: |
Gott bewahre, es sind Riesengänse! Auch das
noch! |
| Schaf: |
Nein, nein, es sind Menschen! |
| Esel: |
Menschen!? |
| Schaf: |
Na schau selbst! Zwei Menschen! Da hinten im
Heu! Ein Mann und eine Frau. |
| Esel: |
Was soll das denn? Sind die verrückt geworden?
Was machen die denn im Stall? |
| Schaf: |
Wahrscheinlich haben sie keine Unterkunft mehr
bekommen. Das Gasthaus ist wohl voll belegt... |
| Esel: |
Ach, ach, und wir? Wir haben wohl Platz ohne
Ende? |
| Schaf: |
Lass sie doch, Esel. Sieh nur. Sie brauchen nur
ganz wenig Platz. (Kurzes Schweigen.) |
| Schaf: |
Komisch. Die Frau scheint irgendwie verletzt zu
sein. Oder sie leidet. Warum nur? |
| Esel: |
Wahrscheinlich bereitet ihr auch die
Steuererhöhung Kopfzerbrechen. |
| Schaf: |
Und der Mann macht doch einen ganz nervösen
Eindruck. Ich kann ihn ganz genau sehen. Er rennt
immer auf und ab und auf und ab und auf... |
| Esel: |
Es reicht. Ich kann es mir bildlich
vorstellen. |
| Schaf: |
Jetzt flüstert er der Frau irgendwas zu. Da
scheint ja wirklich was Spannendes vor sich zu
gehen. |
| Esel: |
Jetzt gaff da nicht so hin. Du bist
unmöglich. |
| Schaf: |
Das ist eben interessant. Wann hat man schon
mal völlig fremde Menschen in unserem Stall? So
zwischen allen Tieren. |
| Esel: |
Es sind nur Menschen, Schaf. Ordinäre Menschen.
Ein Mensch ist doch nichts Besonderes. Menschen
sind nun mal einfach da, und alles, was sie von uns
unterscheidet ist dass sie sich vor dem
Schlafengehen die Zähne putzen. Stinknormale
Menschen, eben. Und rein zufällig sitzen genau zwei
davon in unserem Stall und nehmen uns den Platz
weg. Ich würde das nicht als interessant
bezeichnen, sondern als frech. |
| Schaf: |
Du wirst es nicht glauben, Esel. |
| Esel: |
Was? |
| Schaf: |
Auf einmal sind es drei Menschen …
(LIED: Stille Nacht) |
3. Teil
| Schaf: |
Sieh nur Esel, sie haben sich geklont! Wie
sonderbar! Ob das mit Schafen wohl auch
funktioniert? |
| Esel: |
Das war keine Klonung, das war eine Geburt. Die
Frau war wohl schwanger. |
| Schaf: |
Ehrlich? So sieht das also bei Menschen aus.
Du, Esel! Schau nur, die Tür geht auf! |
| Esel: |
Ich ahne Schlimmes. |
| Schaf: |
Noch mehr Menschen! |
| Esel: |
Ich hab's geahnt. |
| Schaf: |
Aber du, diese Kleidung kenn ich. Das ist wohl
die Kluft von Schäfern. Die Armen, alles fast noch
Kinder. Und ganz durchgefroren. |
| Esel: |
Ja, ja. In solchen Zeiten sind wir schon
gelandet. Bestimmt hat jeder von denen noch
Dutzende von hungernden Geschwistern zu ernähren.
Aber vielleicht sind sie gekommen, um ein paar
Schafe mitzunehmen. Dann hätte ich endlich wieder
etwas mehr Beinfreiheit. |
| Schaf: |
Ich hoffe nicht. Bei dem Wetter vergeht einem
die Lust auf die Weide. O sieh nur. Sie legen ihre
Mäntel ab, und knien nieder. Sie verbeugen sich vor
dem ... wie heißt das bei Menschen?
Menschenlamm? |
| Esel: |
Nein, natürlich nicht. Das heißt
Menschenkind. |
| Schaf: |
Also ich sag Menschenlamm. Es ist das Lamm
eines Menschen. |
| Esel: |
Ich frag mich, was sie an dem Menschenkind so
interessant finden … (LIED: Kommet ihr
Hirten) |
4. Teil
| Schaf: |
(Hirten erzählen von Engeln.) Hörst du
das, Esel? Diese Hirten haben Engel gesehen. |
| Esel: |
Das glaubst du doch jetzt nicht etwa, oder? Nur
kleine Kinder glauben an Engel. |
| Schaf: |
Ich weiß nicht. Was ist ein Engel? |
| Esel: |
Engel sind die Boten Gottes. Und es gibt wohl
ganz schön viele von ihnen, und sie sind sehr
stark. Aber ehrlich gesagt, finde ich, dass das nur
Märchen sind. Ich glaube nicht an Engel. |
| Schaf: |
Vielleicht glauben die Engel ja auch nicht,
dass es so was wie Esel gibt... |
| Esel: |
Warum sagst du so was? Bis eben wusstest du
nicht mal, was ein Engel ist. Und nun glaubst du,
besser zu wissen als ich, ob es sie gibt oder
nicht. |
| Schaf: |
Die Hirten sagen, dass sie die Engel gesehen
haben. |
| Esel: |
Na und? |
| Schaf: |
Ich weiß, dass Hirten für uns Schafe immer das
Beste wollen. Sie tun uns immer Gutes. Mein Hirte
weidet uns auf den grünsten Wiesen. Und er führt
uns zum Ruhen ans Wasser. Und selbst, wenn ich auf
meinen zittrigen Beinchen durch ganz dunkle
Schluchten gehen muss, kann ich darauf vertrauen,
dass er den Weg kennt - besser als ich - und dass
er mich nie im Stich lässt. Solange ein Hirte bei
mir ist, habe ich keinen Grund, mich zu fürchten.
Warum sollte ein Hirte lügen, wenn er das Beste für
mich will? Ich vertraue den Hirten, ganz egal, ob
du das auch tust. Ich habe noch nie einen Engel
gesehen. Aber bestimmt gibt es viele Dinge, die ich
noch nicht gesehen habe. Wer kann schon sagen, was
es gibt und was nicht? |
| Esel: |
Für Esel gibt es keine Hirten. |
|
| Schaf: |
O doch, bestimmt. Irgendwo gibt es bestimmt
auch einen Hirten für dich, Esel. (Kurzes
Schweigen.) |
| Esel: |
Also du meinst, die Engel gibt es wirklich? Das
wäre ... irgendwie schön, nicht wahr? (LIED:
Engel bringen frohe Kunde. (Erste
Strophe)) |
5. Teil
| Esel: |
Die Kuh hat gerade aus dem Fenster gesehen und
gesagt, dass noch mehr Menschen kommen. Das heißt
wohl, noch mehr zusammenrücken. |
| Schaf: |
Irgendwie scheinen sich unheimlich viele
Menschen für dieses Menschenlamm zu
interessieren. |
| Esel: |
Ich würde ja nur zu gern wissen, was da vor
sich geht. Sind diese Leute da im Stroh besonders
reich oder prominent? |
| Schaf: |
Ich weiß nicht. Was heißt "prominent"? |
| Esel: |
Das heißt, dass jemand so bekannt ist, dass
alle ihn sehen wollen. |
| Schaf: |
Wenn jemand schon bekannt ist, warum sollten
ihn dann alle noch mal sehen wollen? |
| Esel: |
Vielleicht erhoffen sie sich ja etwas von ihm,
was weiß ich. Alle Prominenten, die ich bis jetzt
gesehen habe, haben nur gelächelt, gewunken, und
sich mit Ruhm beschütten lassen. Im Prinzip waren
die meisten von ihnen aufgeblasene
Wichtigtuer. |
| Schaf: |
Dieses Menschenlamm scheint kein Prominenter zu
sein. Es winkt nicht. Und es bläst sich auch nicht
auf. |
| Esel: |
Na es ist ja auch nur ein Kind. Ein Kind, ganz
nebenbei mit der unangenehmen Eigenschaft, unsere
Futterkrippe zu blockieren. Was denkt es sich
nur!? |
| Schaf: |
Die Menschen, scheinen das Kind ja sehr zu
mögen. Sie bringen ihm Geschenke. Du Esel, was
meinen die ganzen Menschen, wenn sie ständig
fragen, ob der Sohn Gottes gerade gekommen
sei? |
| Esel: |
Schaf, das weiß ich nicht. Ich bin nur ein
Tier. Wenn ich lesen könnte, würde ich in die Bibel
schauen und nachlesen. Aber ich kann es nicht. |
| Schaf: |
Der Sohn Gottes... Das klingt ja gewaltig. Ich
hoffe, ich kann ihm die Hufe schütteln, wenn er
hier vorbei kommt. |
| Esel: |
Also, wenn Gott seinen Sohn zur Welt schickt,
wird da wohl auch was Größeres dahinter stecken.
Das wäre doch mal was. Der würde uns endlich mal
einen Wirtschaftsaufschwung bringen. Der würde den
Winter nicht mehr so kalt machen und den Sommer
nicht mehr so heiß. Der könnte ganz neue
Geschmacksrichtungen von Eiscreme erfinden. Und -
Ha! der könnte die Römer aus Israel schmeißen,
allesamt! Was meinst du? |
| Schaf: |
Hm. Irgendwas sagt mir, dass es um mehr geht,
als nur um Politik und Eiscreme, wenn Gottes Sohn
auf unsere Erde kommt. |
| Esel: |
Und worum soll es gehen, Herr Oberschaf? |
| Schaf: |
Ich glaube, es geht um ganz wichtige Sachen. Da
muss schon mit der Welt was gewaltig nicht stimmen,
wenn Gott seinen Sohn zur Erde schickt. Aber ich
bin ja nur ein ganz dummes Schaf. Sag mal Esel, was
ist eigentlich ein Sohn? |
| Esel: |
Also, du würdest sagen, es ist eine Art
Lamm. |
| Schaf: |
Also kommt das Lamm Gottes auf die Welt? |
| Esel: |
Sozusagen, ja. |
| Schaf: |
Witzig. (Kurzes Schweigen.) |
| Schaf: |
Du, Esel? |
| Esel: |
Ja, Schaf? |
| Schaf: |
Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass
dieses kleine Menschenlamm, da in Wirklichkeit das
Lamm Gottes ist? |
| Esel: |
Das liegt vielleicht an all den Leuten hier,
die sich so unheimlich freuen, dass es heute
geboren wurde. Schau, sie weinen vor Freude, und
sie singen. Ich hab die Menschen noch nie so
glücklich gesehen. (Kurzes
Schweigen.) |
| Schaf: |
Esel? |
| Esel: |
Ja, Schaf? |
| Schaf: |
Wollen wir uns nicht auch freuen? Immerhin ist
jetzt das Lamm Gottes hier. Ich finde das schön.
(Kurzes Schweigen.) |
| Esel: |
Ja, Schaf. (LIED: - Ich steh an deiner
Krippen hier) |
|