Sketche über Senioren

Sketche über Senioren im Seniorenheim, Abwehr von
Güllelerchen, Sparmassnahmen im Gesundheits- und Rentensystem

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Sketche über Reisebüro und Urlaubsreise

Sketche über Reisebüro und Urlaubsreise

Advent im Seniorenheim

Autor: unbekannt

Opa: Alljährlich die gleichen Sorgen … Weihnachtsgesang … Macht, dass ihr da wech kommt! Schüsse … Güllelerchen! weiter Schüsse …
Reporter: Der Singkreis des Landfrauenvereins Heringsmoor war nur einer von zahlreichen Vortragsgruppen und Einzelkünstlern, die wochenlang vergeblich versuchten, in das städtische Seniorenstift am Höcklager Industrieweg einzudringen. Dem inneren Drang, alten Menschen zur Weihnachtszeit eine Freude zu machen, stand immer wieder die kompromisslose Abwehrbereitschaft der Heiminsassen gegenüber, die es leid sind, als Publikum für Amateuraufführungen herhalten zu müssen. So jedenfalls erklärt es der 89jährige Josef Röhrmöller, als Sprecher des Ältestenrates.
Röhrmöller: Ja, wir woll’n hier vor Weihnachten einmal in Ruhe Kaffee trinken und nicht dauernd dies Gejiedel und Gefiedel an'e Ohren habm. Und wenn das im Guten nich geht, dann müssen wir Maßnahmen ergreifen.
Reporter: Maßnahmen, die sich am Anfang nur auf die hermetische Abriegelung des Gebäudekomplexes beschränkten. Röhrmöllers Erfahrungen als Infanterist 1943 im Kessel von Tscherkassi, als seine Kameraden in einer ähnlich verzweifelten Situation waren, kommen jetzt den Heimbewohnern zugute. Die wuchtigen Eisenmöbel vor den Außentüren, Stacheldrahtrollen vor den besonders gefährdeten Sutterainfenstern sowie verschweißte Sieldeckel im Kellerbereich, reichten jedoch schon bald nicht mehr aus. Rund um die Uhr wurden Heimbewohner zum Wachdienst eingeteilt.
Röhrmöller: Ja die Probleme sind praktisch Tach und Nacht, nich. Morgens fallen schon die Plagen vonner Gesamtschule über uns her mit ihrem Flötenkreis. Die fiepen hier rum mit Mach hoch die Tür und Klingglöckchen und alles falsch und durcheinander. Dat is nicht zu ertragen. Inner Mittachsstunde hab'n wir dann meistens diese Trampeltänzer vom Trachtenverein Strohkruch, die will keiner mehr sehen, aber mit uns kann mans ja machen.
Reporter: Besonders kritisch wird es am Abend, wenn die Aufmerksamkeit der alten Menschen nach einem langen Wachdienst zu erlahmen droht. Dann nämlich pirscht sich im Schutz der Dunkelheit der Jagdbläserchor 'Hubertus' aus Niederstenbreckelwede heran.
Röhrmöller: Ja die tröten hier Die Sau ist tot, wenn unsereiner nur in Ruhe fernsehen will. Und da bin ich dann zum ersten Mal mit'm Schrotdrilling dazwischen gegangen.
Reporter: Nicht minder gefürchtet ist unter den Senioren die Schöppenwessler Speeldeel mit ihrem niederdeutschen Schwank Krach um Jolante, die aber in diesem Jahr, wenn auch gegen ein empfindlich hohes Schweigegeld wieder abzog. Doch nicht immer lassen sich die vorweihnachtlichen Besucher so unkompliziert abwehren. Der Chantichor Ankommersiel mit seinem Adventsrepertoire wie Christus war ein Steuermann oder Wir lagen auf Kiel vor Bethlehem ließ sich aus Hubschraubern auf das Flachdach des Speisesaals absetzen, in der vergeblichen Hoffnung, durch einen Lüftungsschacht zur besinnlichen Kaffeetafel vorzudringen. Nach 25 Jahren Heimerfahrung kennt Opa Röhrmöller inzwischen alle Tricks.
Röhrmöller: Ja wir hatten die Tage einen hier, der gab sich als Klempner aus und wollte nach 'e Heizkörper kucken. Und ich denk noch, da is doch wat faul, mach 'ne Taschenkontrolle und siehe da, kein Werkzeug und nix. Stattdessen diese elende Gedichtband Wiehnacht ob de Halli, damit wollte er uns hier den Abend versaun. Und jetzt komm' Sie.
Reporter: Schlussendlich waren alle Anstrengungen der alten Leute umsonst. Am frühen Nachmittag des 2. Advents hielt die Schweißnaht der Feuertür zum Babitoratlager dem karitativen Ansturm nicht mehr stand. Die tapferen Bewohner des Seniorenstifts wurden von der vorweihnachtlichen Stimmung doch noch eingeholt.

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Wir turnen bis zum Tode

Autorin: möchte nicht genannt werden

Reporter: Ich befinde mich hier vor der imposanten Immobilie des städtischen Seniorenstifts am Lichtentaler Industrieweg in Oberollendorf. Alles andere als immobil sind wohl einige der Insassen des örtlichen Altenheims, welche eine Initiative für mehr Bewegung in alten Tagen gegründet haben. Doch die Initiative spaltet die Ortsansässigen und löste gestern im hiesigen Stadtrat einen Eklat aus. Was die einen als willkommene Maßnahme für mehr Wohlbefinden und Lebensqualität erachten, ruft derzeit auch Menschenrechtsaktivisten auf den Plan, die eine Zwangsertüchtigung mit möglicherweise fatalen Folgen für die körperlich eingeschränkten Heimbewohner befürchten. Ich spreche hier und heute mit Herrn Röhrmöller, einem der Heimbewohner und engagiertem Mitbegründer der umstrittenen Initiative. Guten Tag, Herr Röhrmöller …
Opa: Sport Frei! Nu machen se mal bissl mit hier, sie wern noch elendisch verfetten, wenn Sie hier nur rumgluckn und bloß de Lippen bewegen. Auf geht's!
Reporter: (irritiert) Äh, ja, Herr Röhrmöller, man sieht, Sie sind wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache …
Opa: Und das mit drei Bypässen! Aber seit se mir diesen Herzschrittmacher eingesetzt ham, ich sach Ihnen, ich bin ein Automat, isch kann gar nisch mehr stille sitzen.
Reporter: Und deswegen haben Sie die Initiative für mehr Bewegung im Alter gegründet?
Opa: Mehr Beweschung im Alter? Wir turnen bis zum Tode, so siehts aus!
Reporter: Das mutet mir doch recht provokant an, ist die Namensgebung wörtlich zu verstehen?
Opa: Ich will Ihnen mal was sachen, vorher sind die Leute hier an Langeweile gestorben. Isch sach Ihnen, Kreistänze im Sitzen ham die jeden Mittwoch Nachmittag mit uns gemacht, das ist die Hölle für ein Bewegungstalent wie mich - und ehemalischen deutschen Meister im Staffellauf, Dreikampf und Bodenturnen!
Reporter: Und deswegen haben Sie sich mit Ihrem ehemaligen Schüler aus dem Turnverein Gersdorf zusammengetan und ihn um Hilfe gebeten.
Opa: Ein feiner Mann, höchst behände, war früher Bürgermeister und immer schon sehr engagiert und für eine Intitiative wie unsre natürlich sofort hellauf begeistert. Der feiert übrigens heute seinen 80. Geburtstag, Günther, ich grüße dich! Der hat sich übrigens den Namen für die Sache hier einfallen lassen …
Reporter: Aber was sagen Sie zu den Anklagen, dass durch Ihre Initiative „Wir turnen bis zum Tode“ die Ableberate im Seniorenstift um das dreifache angestiegen ist?
Opa: Diese Statistik ist höchst kritisch zu betrachten. Wenn Sie das genauer untersuchen würden, würden Sie feststellen, dass zwei Drittel dieser Fälle vorzeitigen Ablebens (wenn man bei einem Alterdurchschnitt von 84,8 Jahren überhaupt noch davon sprechen kann) allein auf eine sportliche Disziplin zurückzuführen sind.
Reporter: So?
Opa: Ja, und zwar war das die Gruppe „Dauerlauf für Demente“. Die muss mer ja och irgendwie vertun und da haben wir uns wirklich große Mühe gemacht, aber es war einfach nicht möglich, die Leutchen in die Schwimmgruppe zu integriern, die sind nämlich nie bis zum Beckenrand gekommen, weil sie sich dauernd in der Umkleide verirrten. Bankdrücken ham se falsch verstanden und man sammelte Herrn Zollendim an der Sparkasse auf, wo er einen Geldautomaten umarmte. Auch Bodenturnen war nicht möglich, weil die Dementen sich die Übungen ja nicht merken konnten.
Reporter: Also haben Sie diese armen Seelen Runden in der angegliederten Parkanlage laufen lassen, bis zwei der Überlebenden völlig entkräftet nachts um drei von einem Zivildienstleistenden …
Opa: Bundesfreiwilligendienst heißt das jetzt, na und seitdem ist das Ding hier doch total unterbesetzt …
Reporter: … von einem Ableister des Bundesfreiwilligendienstes aufgegriffen und in die Innenräume des Seniorenstifts überführt wurden.
Opa: Na, ich gebe zu, ich habe nicht daran gedacht, dass die halt auch vergessen würden aufzuhören mit laufen. Aber immerhin haben wir dadurch einen neuen Rekord der über 84jährigen aufgestellt – und das bundesweit – 3,7 km in 17einhalb Stunden!
Reporter: Gut, Herr Röhrmöller, die Dauerlaufgruppe haben Sie kurzerhand aus Mangel an verbleibenden Teilnehmern abgesetzt, was haben Sie noch initiiert?
Opa: Also, angefangen haben wir mit einem Höhentraining für Bergsteiger. Dazu haben wir uns die ein oder andere Sauerstoffflasche von den Damen im Näh- und Bastelkreis ausleihen müssen. Danach haben wir eine Dartgruppe eröffnet.
Reporter: Wenn ich richtig informiert bin, wurden dafür aber nur blinde Heimbewohner zugelassen. Der Rest musste sich schwarze Augenbinden anlegen.
Opa: Na, hörn Sie mal, ham Sie schon mal was von Antidiskriminierungsgesetzen gehört? Sehn Sie, hier hat jeder ne andre Dioptrienstärke. Wir wollten einfach gleiche Bedingungen für alle. Und wenn man sich wirklich für Chancengleichheit einsetzt, dann muss man da auch Herzblut reinstecken und den ein oder anderen Rückschlag in Kauf nehmen.
Reporter: Sie spielen auf den tödlichen Unfall an, der sich vor zwei Tagen bei besagtem Dartturnier ereignete, als ein Insasse von mehreren Dartpfeilen tödlich getroffen wurde?
Opa: Ich spiele auf gar nichts an, das einzige was ich spiele, ist Völkerball. Und Ringelpietz mit Anfassen.
Reporter: Ähm ja. Dann gibt es noch eine Rock'n Roll Tanzgruppe …
Opa: Die fällt allerdings in die Kategorie Paralympics und ist ausschließlich Personen mit Rollator oder Rollstuhl vorbehalten.
Reporter: Ihnen wird nachgesagt, die Stimmung mit nicht unerheblichen Mengen an Alkohol und Amphetaminen aufgehellt zu haben.
Opa: Also bei uns gibt es im Allgemeinen strikte Dopingkontrollen. Es gibt allerdings Disziplinen, die nicht der Wettkampfordnung unterliegen und für die somit die Anti-Doping-Vereinbarung nicht gilt.
Reporter: …?
Opa: Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich erinnere Sie nur an Kreistänze im Sitzen und möchte Sie fragen, wie Sie sich ihren Ruhestand vorstellen würden…
Reporter: Das tut hier nichts zur Sache. Aber mir scheint, dass Sie ein frühes Ableben der Insassen nicht nur bereitwillig in Kauf nehmen, sondern geradezu provozieren.
Opa: Also isch will Ihnen mal was sachen, isch provoziere hier gar nischt. Isch habe diese Anschuldigungen satt! Isch wollte doch nur einen kleinen Beitrag zu unserem diesjährigen Sommerfest leisten, lediglich ein Seniorenturnen und eine Frauentanzgruppe sollte es geben.
Reporter: Aber …? Wie konnte eine Initiative daraus entstehen, bei der selbst Demenzkranke und halbseitig Gelähmte zu sportlichen Höchstleistungen angetrieben werden?
Opa: … Na, ja … Ehrlich gesagt, Ihnen kann ichs ja sagen …
Reporter: Natürlich!
Opa: Ehrlich gesagt, der Herr Sparzig von der Pflegekassenvereinigung ist an mich herangetreten. Ob man das nicht noch ein bisschen ausbauen könnte…
Reporter: Sie meinen, nicht Sie selbst haben sich das alles einfallen lassen?
Opa: Doch, Völkerball war meine Idee!
Reporter: Das heißt, die Pflegeversicherungen ist verantwortlich für die Dartgruppe für Blinde und den Dauerlauf für Demente?
Opa: Na, ich hab mich auch gewundert, dass die endlich mal freiwillig was zahlen und war sehr froh über die Förderung. Aber als dann die Amphetamine ins Spiel kamen, begann die ganze Sache, mir suspekt zu werden. Und dann hab ich von der Eurokrise gehört und dass nun alle sparen müssen und die Renten nicht mehr sicher sind und um die Steuerzahler zu entlasten …
Reporter: Ein Skandal! Der städtische Seniorenstift am Lichtentaler Industrieweg – das erste Opfer sozialer Sparmaßnahmen im Gesundheits- und Rentensystem! Musik geht an, Opa Röhrmöller fängt an, wild mit dem Reporter zu tanzen.
Opa: Aber scheener als vorher isses trotzdem, endlich wieder Leben in der Bude! Wir werden den schon zeigen, wer den längeren Atem hat!

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Seite zuletzt geändert: 26.08.2015