Das Weihnachtsland
Weihnachtsmärchen für Kinder und Erwachsene
Autor: Heinrich Seidel
Werner und Anna
Im letzten Hauses des Dorfes, gerade dort, wo schon der große Wald anfängt, wohnte eine arme Witwe mit ihren zwei Kindern Werner und Anna. Das wenige, das in ihren Garten und auf dem kleine Ackerstück wuchs, die Milch, die ihre einzige Ziege gab, und das geringe Geld, das sie durch ihre Arbeit erwarb, reichten gerade hin, um die kleine Familie zu ernähren, und auch die Kinder durften nicht feiern, sondern mussten solche Arbeit leisten, wie sie in ihren Kräften stand. Sie taten das auch willig und gern und betrachteten diese Tätigkeit als ein Vergnügen, zumal sie dabei den herrlichen Wald nach allen Richtungen durchstreifen konnten. Im Frühling sammelten sie die goldenen Schlüsselblumen und die blauen Anemonen zum Verkauf in der Stadt und später die Maiglöckchen, die mit süßem Duft aus den mit welkem Laub bedeckten Hügelabhängen des Buchenwaldes emporwuchsen. Dann war auch der Waldmeister da mit seinen niedlichen Bäumchen, die gepflückt werden mussten, ehe sich die zierlichen weißen Bäumchen hervortaten, damit seine Kraft und Würze fein in ihm verbleibe. Sie wanden zierliche Kränze daraus, denen noch, wenn sie schon vertrocknet waren, ein süßer Waldesduft entströmte, oder banden ihn in kleine Büschel, die vornehmen Stadtleute in den Wein taten, auf dass ihm die taufrische Würze des jungen Frühlings zuteil werde.
Später schimmerten dann die Erdbeeren rot unter dem
niedrigen Kraut hervor, und während nun die Kinder der
reicheren Eltern in den Wald liefen und fröhlich an der
reichbesetzten Sommertafel schmausten oder höchstens
zur Kurzweil ein Beerensträußchen pflückten, um es der
Mutter mitzubringen, saßen Werner und Anna und
sammelten fleißig, „die guten ins Töpfchen, die
schlechten ins Kröpfchen“. Aber sie waren
fröhlich dabei und guter Dinge, pflückten um die Wette
und sangen dazu.
Noch späterhin wurden auf dem bemoosten Grunde des
Tannenwaldes die Heidelbeeren reif und standen unter
den großen Bäumen als kleine Zwergenländer beieinander,
indem sie mit ihren dunklen Früchten wie niedliche
Pflaumenbäumchen anzusehen waren. Auch diese sammelten
sie mit blauen Fingern und fröhlichem Gemüt in ihre
Töpfe, und dann ging’s ins Moor, wo die
Preiselbeeren standen, die so zierliche Blüten wie
kleine, rosig angehauchte Porzellanglöckchen und
Früchte rot wie Korallen haben und eingemacht über die
Maßen gut zu Apfelmus schmecken.
Von der alten Liese, die alle Tage mit einem
hinfälligen Rösslein und einem Wagen voll Gemüse und
dergleichen in die Stadt fuhr und für die Kinder
verkaufte, was sie gesammelt hatten, lernten sie noch
manches kennen, was die Stadtleute lieben und gern für
ein paar Cents erwerben.
So suchten sie in der Zwischenzeit allerlei
zierliche Moose und Flechten, wie sie in trockenen
Kiefernwäldern mannigfaltig den Boden bedecken und sich
mit sonderlichen und zierlichen Gestaltungen bescheiden
hervortun. Da fanden sie solches rot und ästig wie
kleine Korallen und anderes, das einen Haufen kleiner
Tannenbäumchen glich. Aus anderem wuchsen die
Blütenorgane gleich kleinen Trompetchen oder spitzen
Kaufmannstüten hervor, während wieder anderes kleine
Keulen emporstreckte, die mit einem Knopf wie von roten
Siegellack geschmückt waren. Solches Moos lieben die
Stadtleute auf einem Teller freundlich angeordnet,
damit sich ihr Auge, wenn es müde ist, über die große
Wüste von Mauern und Steinsäulen zu schweifen, auf
einem Stück fröhlichen Waldbodens ausruhen könne.
Unter solchen fleißigen und freudigen Tätigkeiten
kam dann der Herbst heran und die Zeit, da die Stürme
das trockene Holz von den Bäumen werfen und es günstig
ist, die Winterfeuerung einzusammeln, die Zeit, wo sie
sich schon zuweilen auf die schönen Winterabende
freuten, wenn das Feuer in dem warmen Ofen bullert und
sein Widerschein auf dem Fußboden und an den Wänden
lustig tanzt, wenn die Bratäpfel im Rohr schmoren und
zuweilen nach einem leisen „Paff“ lustig
aufzischen, und die Mutter bei dem behaglichen
Schnurren des Spinnrades ein Märchen erzählt. Unter
solchen Gedanken schleppten sie fröhlich Tag für Tag
ihr Bündelchen Holz heim und türmten so allmählich
neben der Hütte ein stattliches Gebirge auf. Zuweilen
hing auch ein Beutel mit Nüssen an dem Bündel. Diese
holten sie gelegentlich aus dem großen Nussbusch, wo in
manchen Jahren so viele wuchsen, dass, wenn man mit
einem Stock an den Strauch schlug, die überreifen
Früchte wie ein brauner Regen herabprasselten. Wenn sie
davon genug mitgebracht hatten, wurden die Nüsse in
einen größeren Beutel getan und in den Rauchfang
gehängt, um für Weihnachten aufgehoben zu werden.
Weihnachten, das war ein ganz besonderes Wort, und die
Augen der Kinder leuchteten heller auf bei seinem
Klang. Und doch brachte ihnen dieser festliche Tag doch
so wenig. Ein kleines winziges Bäumchen mit ein paar
Lichtern und Äpfeln und selbstgesuchten Nüssen und zwei
Pfefferkuchenmännern, darunter für jedes ein Stück
warmes Winterzeug und, wenn’s hoch kam, ein
einfaches, billiges Spielzeug oder eine neue
Schiefertafel, das war alles. Doch der Spitze des
Bäumchens ging ein Leuchten aus, das seinen traulichen
Schein durch das ganze Jahr verbreitete und dessen
Abglanz in den Augen der Kinder jedes Mal aufleuchtete,
wenn das Wort Weihnachten nur genannt wurde.
Als es nun Winter geworden war und sie eines Abends
behaglich um den Ofen saßen und die Mutter gerade eine
schöne Weihnachtsgeschichte erzählt hatte, sah der
kleine Werner eine Weile ganz nachdenklich aus und
fragte dann plötzlich: „Mutter, wo wohnt der
Weihnachtsmann?“ Die Mutter antwortete, indem sie
den feinen Faden durch die Finger gleiten ließ und das
Spinnrad munter dazu schnurrte: „Der
Weihnachtsmann? Hinter dem Wald in den Bergen! Aber
niemand weiß den Weg zu ihm. Wer in sucht, rennt
vergebens in der Runde. Und die kleine Vögel in den
Bäumen hüpfen von Zweig zu Zweig und lachen ihn aus. In
den Bergen hat der Weihnachtsmann seine Gärten, seine
Hallen und seine Bergwerke; dort arbeiten seine
fleißigen Gesellen Tag und Nacht an lauter schönen
Weihnachtsdingen. In den Gärten wachsen die silbernen
und goldenen Äpfel und Nüsse und die herrlichsten
Marzipanfrüchte, und in den Hallen sind die schönsten
Spielsachen der Welt zu Tausenden aufgestapelt. Da gibt
es Säle, die angefüllt sind mit den schönsten Puppen,
gekleidet mit Kattun, in Wolle, in Sammet und
Seide“ … „Ah.“ Sagte die
kleine Anna, und ihre Augen leuchteten …
„und andere wieder sind ganz voll von Trommeln
und Säbeln und Gewehren, Kanonen und
Bleisoldaten“ … „Oh!“ rief der
kleine Werner, und seine Augen funkelten.
Diese Geschichte kam ihm nicht wieder aus dem Sinn,
und er dachte es sich herrlich, wenn es ihm gelingen
könnte, den Weg nach diesem Wunderland zu entdecken.
Einmal war er bis an die Berge gelangt und dort lange
herumgestreift; allein er hatte nichts gefunden als
Täler und Hügel und Bäume wie überall. Die Bäche, die
dort liefen, schwatzten und plauderten wie alle Bäche;
allein sie verrieten ihr Geheimnis nicht. Die Spechte
hackten und klopften dort wie anderswo im Walde auch
und flogen davon, und an den Eichhörnchen, die eilig
die Bäume hinaufkletterten, war auch nichts Besonderes
zu sehen.
Wenn ihm nur jemand hätte sagen können, wie der Weg
in das wunderbare Weihnachtsland zu finden sei, er
hätte das Abenteuer wohl bestehen wollen. Die Leute,
die er danach fragte, lachten ihn aus. Und als er
deshalb der Mutter seine Not klagte, da lachte sie auch
und sagte, das solle er sich nur aus dem Sinne
schlagen; was sie ihm damals erzählt habe, sei ein
Märchen gewesen wie andere auch.
Aber der kleine Werner konnte die Geschichte noch
nicht aus seinen Gedanken bringen, obgleich er nun
niemand mehr danach fragte. Nur mit der kleinen Anna
sprach er zuweilen beim Holzsammeln davon, und beide
malten sich schöne Traumbilder aus von den
Herrlichkeiten des wunderbaren Weihnachtslandes.
Der kleine Vogel
An einem Morgen kurz vor Weihnachten nahm Werner das Küchenbeil über die Schulter und ging allein in den Wald, denn der Förster, der den Knaben gern sah, hatte ihm auch in diesem Jahre wieder erlaubt, sich selbst ein Tannenbäumchen für den Weihnachtsabend abzuhauen. Ausgesucht hatten die Kinder sich dieses schon lange und waren nach vielem Beraten und Erwägen einig geworden, dass im ganzen Walde kein schöneres zu finden sei. Es stand ziemlich weit draußen ganz allein unter dem Schutz einer einzelnen alten Buche und war so nett und zierlich gewachsen, dass es eine wahre Freude war.
Es war ein schöner milder Wintertag, die Sonne schien vom unbewölkten Himmel, und der Waldboden war mit ein wenig Schnee wie mit Streuzucker gepudert, so recht ein Tag für die kleinen Waldvögel, die im Winter bei uns bleiben. Man hörte in der stillen Luft überall das muntere Zwitschern und Locken der Meisen und Goldhähnchen, die sich in kleinen Scharen in den Wipfeln umhertrieben und die feinen Zweiglein und Äste der Bäume gar emsig absuchten. Als Werner bei der alten Buche und dem Tannenbäumchen angelangt war, setzte er sich eine Weile auf einen Baumstumpf, um sich auszuruhen. Rings war es so still wie in einer einsamen Kirche, nur ein Bächlein ging mit leisem Plätschern und dunklem Gewässer durch seine beschneiten Ufer hin, und aus der Ferne kam zuweilen der scharfe Schrei eines Hähers. Er verfiel wieder in seine alten Träumereien über das wunderbare Weihnachtsland, und die Sehnsucht nach diesen Herrlichkeiten bemächtigte sich seiner so, dass er vor sich hinrief: „Ach, wer mir doch den Weg sagen könnte ins Weihnachtsland!“
Da ging ein lauteres Getön durch die Wellen des Baches, wie ein rieselndes Gelächter, eine Waldmaus guckte aus ihrer Höhle am Stamm und kicherte mit feiner Stimme, und im Wipfel der alten Buche wiegte und wogte es, als schüttele sie den Kopf über solcherlei Torheit. In dem kleinen Tannenbaum, der vor ihm stand, zwitscherte es aber plötzlich fein und vernehmlich; es war eine Blaumeise, die von Zweig zu Zweig hüpfte, bald oben saß, bald unten hing und dazu fortwährend ihren Ruf erklingen ließ: „Ich weiß! Ich weiß!“
„Was weißt du?“ fragte Werner.
Der kleine Vogel warf sich rücklings von einem Zweig, schoß auf possierliche Art in der Luft Kobolz und saß dann wieder und rief? „Ich weiß den Weg! Ich weiß den Weg!“
„So zeig ihn mir!“ sagte Werner rasch.
Nun fing der kleine Vogel wieder ein feines Gezwitscher an, aber der Knabe verstand alles: „Bist gut gewesen!“ sagte er. „Hast mir die Kinderchen beschützt, meine zehn kleinen Kinderchen! Ich weiß den Weg, ich zeig' ihn dir! Fix! Fix!“
Damit flog das Tierchen auf den nächsten Strauch und weiter, und Werner folgte ihm. Er hatte die Rede des Vogels anfangs nur halb begriffen, doch zuletzt fiel es ihm ein, dass es eine Blaumeise gewesen war, durch deren ängstliches Geschrei er in dem vergangenen Frühjahr zu der alten Buche gelockt wurde. Dort sah er, wie ein Häher vor dem Baumloche saß, in dem ihr Nest war, im Begriff, die kleinen, nackten Meisenjungen herauszuholen, um sie zu verzehren, indes die Mutter mit ihren schwachen Kräften unter jämmerlichem Schreien ihre Brut zu verteidigen suchte. Schnell hob er einen Stein auf und warf so glücklich, dass der Häher zu Tode getroffen zu Boden fiel.
Nun wollte sich die kleine Blaumeise in ihrer Art dankbar beweisen. Sie flog immer von Busch zu Busch vor ihm her, dem Laufe des Baches entgegen, der aus den Bergen kam. Bald hob sich der Boden und der Bach plätscherte lauter zu Werners Füßen dahin; dann gelangte er in ein ansteigendes Tal, das sich immer mehr verengte, indes die Seitenwände steiler wurden, und zuletzt, als der Bach plötzlich um einen Felsvorsprung bog, sah Werner vor sich eine glatte Steinwand, die hoch aufragte und oben mit mächtigen Tannen gekrönt war. Der kleine Vogel war plötzlich verschwunden, doch tönte seine Stimme von oben, in der Ferne verhallend: „Gleich! Gleich!“
Werner setzte sich auf einen Felsblock und betrachtete die Steinwand. Sie war glatt und ohne Fugen und mit Moos und bunten Flechten bewachsen; sonst war nichts an ihr zu sehen. So saß er und wartete. Der Bach schoß unablässig plätschernd zur Seite, aus einem Felsenspalt und aus den Tannenwipfeln kam das eintönige Singen der Zweige, sonst war kein Laut ringsum vernehmbar. Endlich hörte er ein leises Flattern über sich, und eine Haselnuß fiel vor seine Füße. „Nimm! Nimm!“ rief der kleine Vogel. „Beiß auf! Beiß auf!“
Werner nahm die Nuß und betrachtete sie. Es war nichts Besonderes an ihr zu sehen, aber wenn man sie schüttelte, so klapperte es, als sei etwas Hartes eingeschlossen. Er knackte sie auf und fand einen zierlichen goldenen Schlüssel darin. Unterdes war der kleine Vogel an die Steinwand geflogen, hatte sich dort mit seinen feinen Füßchen angehäkelt und pickte so emsig zwischen den Flechten herum, dass die Stückchen davonflogen. Endlich rief er: „Hier! Hier!“
Werner trat hinzu und bemerkte nun ein kleines, mit Silber eingefaßtes Schlüsselloch. Der goldene Schlüssel paßte ganz genau hinein, und als Werner ihn umdrehte, da ging ein merkwürdig feines Klingen durch die Steinwand, und es tat sich ganz von selbst eine schwere Tür auf, die so genau in ihren Rahmen paßte, als sei sie eingeschliffen. Zugleich strömte eine warme, bläuliche Luft aus der Öffnung hervor, und es verbreitete sich ein Duft nach ausgeblasenen Wachskerzen und angesengten Tannennadeln.
„O, wie riecht das nach Weihnachten!“ sagte der kleine Werner.
Der Vogel aber rief: „Hinein! Hinein! Fix! Fix!“
Kaum hatte Werner, dem doch etwas ängstlich zumute war, ein paar Schritte in den dunklen Gang hinein gemacht, so fühlte er hinter sich einen Luftzug, und plötzlich war es ganz finster, denn die Tür hatte sich lautlos wieder geschlossen. Nun sank ihm doch ein wenig der Mut, da jede Rückkehr abgeschlossen war, aber da er zugleich einsah, dass Zittern und Zagen hier nichts helfe, so tappte er entschlossen in dem finsteren Gange weiter.
Das Weihnachtsland
Bald wurde es heller vor ihm, und dann trat er hinaus in eine wunderliche Gegend, wie er solche noch niemals gesehen hatte. Es war dort warm, doch war es nicht Sommerwärme, die ihm entgegenschlug, sondern eine Luft, wie sie in geheizten Stuben zu sein pflegt, angefüllt mit allerlei süßen Düften. Auch schien keine Sonne an dem Himmel, und doch war überall eine gleichmäßige Helle verbreitet. Von der Gegend selbst sah er nicht viel, denn hinter ihm stand die hohe Felsenwand, durch die er hereingekommen war, und ringsum verdeckten die Aussicht viele hochgewachsene Sträucher, an denen die seltsamsten Früchte wuchsen. Als er verwundert und staunend zwischen diesen Gewächsen einherschritt, fand er bald eine breite Allee, die auf ein fernes Gebäude zuführte. Zu beiden Seiten war sie mit großen Apfelbäumen eingefaßt, auf denen goldene und silberne Äpfel wuchsen. Alte, gnomenartige Männer mit eisgrauen Bärten und schöne junge Kinder waren eifrig beschäftigt, sie zu pflücken und in große Körbe zu sammeln, deren viele schon mit ihrer schimmernden Last ganz gefüllt dastanden. Keiner von diesen Leuten achtete aber auf den kleinen Werner, der unter steter Verwunderung auf das Gebäude im Hintergrunde, das sich jetzt als ein großes Schloß mit ragenden Türmen und vergoldeten Kuppeln und Dächern darstellte, zuschritt. An den Seiten des Weges lagen viele Felder, die in Beete geteilt und mit niedrigen Gewächsen bestanden waren. Auch hier herrschte überall eine emsige Tätigkeit, einzusammeln und zu ernten, und auf den einzelnen Felder, die sich je nach der Art ihrer Gewächse in verschiedenen Farben hervorhoben, waren überall zierliche, bunte Gestalten zu sehen, die kleine, zweiräderige Karren mit goldfarbigen, zottigen Pferdchen bespannt, fleißig beluden.
Als sich Werner dem Schlosse näherte, fiel es ihm auf, dass sich ein Duft nach Honigkuchen immer stärker verbreitete, und als er näher zusah, bemerkte er, dass das ganze Schloß aus diesem süßen Stoff erbaut war. Der Unterbau bestand aus groben Blöcken und die Wandflächen aus glatten Tafeln, die durch eingedrückte Mandeln und Zitronat mit den herrlichsten Ornamenten verziert waren. Und die köstlichsten Reliefs aus Marzipan, die überall eingelassen waren, die Ballustraden und Galerien und Balkone aus Zuckerguß, die prächtigen Statuen aus Schokolade, die in vergoldeten Nischen standen, und die schimmernden bunten Fenster, zusammengesetzt aus durchsichtigen Bonbontafeln, fürwahr, das war ein Schloß, so recht zum Anbeißen schön. An der kunstreichen Eingangstür war der Knopf eines Klingelzuges von durchsichtigem Zucker angebracht; der kleine Werner faßte Mut und zog kräftig daran. Aber kein Glockenton erschallte, sondern es schrie inwendig so laut: „Kikeriki!“, dass der Knabe erschrocken zurücktrat. Dann wiederholte sich der Ruf wie ein Echo mehrmals immer ferner und leiser im Inneren des Gebäudes, und dann war es still. Jetzt taten sich leise die Türflügel auseinander, und in der Öffnung erschien eine sonderbare Persönlichkeit, die Werner, wenn sie nicht gelebt und sich bewegt hätte, unbedingt für einen großen Hampelmann angesehen haben würde.
„Potz Knittergold!“ sagte diese lustige Person, – „Besuch? Das ist ja ein merkwürdiger Vorfall!“ Und damit schlug er aus Verwunderung oder Vergnügen ein paarmal sämtliche Gliedmaßen über dem Kopf zusammen, so dass es beinahe schauderhaft anzusehen war. Sodann fragte er, indem Arme und Beine fortwährend hin und her schlenkerten: „Was willst du denn, mein Junge?“
„Wohnt hier der Weihnachtsmann?“ fragte der kleine Werner.
„Gewiß“, sagte der Hampelmann, „und Ihre Gnaden sind zu Hause, aber sehr beschäftigt, sehr beschäftigt!“ – Damit forderte er den Kleinen auf, ihm zu folgen, indem er sich in seltsamer Weise unter unablässigem Schlenkern seitwärts fortbewegte, denn anders ließ es die eigentümliche Beschaffenheit seiner Gliedmaßen nicht zu. Er führte den Knaben durch einen Vorsaal, dessen Wände aus Marzipan bestanden und dessen Decke von Säulen aus polierter Schokolade getragen wurde, an eine Tür, vor der zwei riesige Nußknacker in großer Uniform und mit ungeheuren Bärenmützen Wache standen, ließ ihn hier warten und ging hinein.
Die Nußknacker betrachteten unterdes den kleinen Werner mit großen lackierten Augen, schielten sich dann unter einem unbeschreiblich hölzernen Grinsen gegenseitig an, und dabei gnuckerte es in ihnen, als ob sie mit dem Magen lachten. Nun kam der Hampelmann wieder heraus, machte von seitwärts eine sehr schöne Verbeugung und sagte: „Der gnädige Herr läßt bitten!“ Da ruckten sich die Nußknacker zusammen und schlugen mit den Zähnen einen Wirbel, der ganz außerordentlich war.
Als der kleine Werner in das Zimmer des Weihnachtsmannes eintrat, erstaunte er sehr, denn dieser sah nicht im mindesten so aus wie er sich ihn vorgestellt und wie er ihn auf Bildern abgemalt gesehen hatte. Zwar besaß er einen schönen langen, weißen Bart, wie es sich gehört, allein auf dem Kopfe trug er ein blaues, mit Gold gesticktes Hauskäppchen, und sonst war er gekleidet in einen langen Schlafrock von gelber Seide und saß vor einem großen Buch und schrieb. Aber dieser Schlafrock war mit so wunderbarer Stickerei bedeckt, dass man ihn wie ein Bilderbuch betrachten konnte. Darauf waren zu sehen: Puppen und Hanswürste und sämtliche Tiere aus der Arche Noahs, Trommeln, Pfeifen, Violinen, Trompeten, Kränze und Kringel und Sonne, Mond und Sterne.
Der Weihnachtsmann legte seine Feder weg und sagte: „Wie kommst du hierher, Junge?“
Werner antwortete: „Der kleine Vogel hat mir den Weg gezeigt.“
„Seit hundert Jahren ist kein Besuch hier gewesen“, sagte der Weihnachtsmann sodann, „und dieser kleine Bengel bringt es fertig? Na, dafür sollst du auch alles sehen. Ich habe zwar keine Zeit, aber meine Tochter soll dir alles zeigen. Goldflämmchen, komm mal her“, rief er dann, „wir haben Besuch!“
Da raschelte und flitterte es im Nebenzimmer, und ein schönes kleines Mädchen sprang in die Stube, das hatte ein Kleidchen von Rauschgold an und flimmerte und blinkte am ganzen Leibe. Es trug ein goldenes Flitterkrönchen auf dem Kopfe, und auf dessen oberster Spitze saß ein leuchtendes Flämmchen.
„Ei, das ist hübsch!“ sagte das Mädchen, nahm den kleinen Werner bei der Hand, rief: „Komm mit, fremder Junge!“ und lief mit ihm zur Tür hinaus.
Das Weihnachtslager
Sie gelangten in einen großen Gang, und dort war eine lange Reihe von hölzernen Rollpferden angebunden, Schimmel, Braune, Füchse und Rappen.
„Nun suche dir eins aus!“ sagte Goldflämmchen.
Werner wählte einen schönen lackierten Grauschimmel, der auf dem Hinterteil gar herrlich mit apfelähnlichen Flecken geziert war, und Goldflämmchen bestieg einen spiegelblanken Rappen. „Hüh!“ rief sie dann und – schnurr – rollten die Pferdchen mit ihnen davon, den Gang entlang, dass dem kleinen Werner die Haare flogen und das Flämmchen auf der Flitterkrone des Mädchens lang zurückwehte. Als sie an die Tür am Ende kamen, rief sie: „Holla!“ Da tat sich diese von selbst auf, und sie sausten hindurch in einen großen Saal hinein, in dessen Mitte sie anhielten. Sie stiegen von ihren Rößlein und Goldflämmchen sagte: „Dieser Saal ist der Bleisaal.“ An den Wänden zogen sich bis an die Decke hinauf offene Wandschränke mit Borten über Borten hin, und darauf standen, in Schachteln verpackt, unzählige Heere von Jagden, Schäfereien, Schlittenpartien, Menagerien und was es aus Blei nur alles gibt. Kleine schwarzbärtige Zwerge stiegen eilfertig auf den Leitern auf und ab und luden die Schachteln auf Karren, die sie hinausrollten, um draußen größere Wagen damit zu befrachten. Als sie Werner und Goldflämmchen erblickten, rollten sie schnell ein paar Lehnstühle von Goldbrokat herbei, und Goldflämmchen rief: „Es soll gleich eine große Parade sein!“
Sie setzten sich und hatten kaum eine halbe Minute gewartet, da ging's: „Trari, Trara!“ unter dem einen Wandschrank, und Hirsche, Hase und Füchse brachen hervor, hinterher die kläffende Hundemeute und die Jäger zu Pferde mit Hussa, Hörnerklang und Peitschenknall. Dann flimmerte es auf einmal in der Luft und feiner Schnee fiel hernieder. Als der Boden weiß bedeckt war, kam mit lustigem Schellengeklingel eine Schlittenpartie zum Vorschein und sauste vorüber. Die Vorderteile der Schlitten waren gebildet wie Schwäne, Löwen, Tiger und Drachen, und darin saßen Herren und Damen in schönen Pelzen, und wenn sie vorüberkamen, warfen sie mit kleinen Schneebällen, die Damen nach Werner und die Herren nach Goldflämmchen. Wenn man einen solchen Schneeball aber näher besah, da war es eine Zuckererbse, in Seidenpapier gewickelt.
Der Schnee verlor sich wieder, und mit lieblichem Glockengeläut zogen nun Hirten und Hirtinnen mit ihren Herden vorüber, dann niedliche Gärtnerinnen mit Früchten und Blumenkränzen, dann Zigeuner, Musikanten, Drahtbinder, Seiltänzer, Kunstreiter und solcherlei fahrendes Volk, und zuletzt Herr Hagenbeck aus Hamburg mit einer afrikanischen Tierkarawane, mit Giraffen, Elefanten, Nilpferden, Nashörnern, Zebras und Antilopen. Die Löwen und Panther fuhren in Käfigen auf kleinen Wagen hinterher und brüllten ungemein, da sie wahrscheinlich der Ansicht waren, sie brauchten sich dergleichen nicht gefallen zu lassen.
Nach Beendigung dieser lustigen Parade bestiegen die beiden Kinder wieder ihre Rößlein und fuhren weiter. Es war ungeheuer, was der kleine Werner alles zu sehen bekam. Den großen Puppensaal, aus dem er sich nicht viel machte und von dem er nur wünschte, dass Anna ihn sehen möchte, das Theatermagazin, in dem auf Goldflämmchens Geheiß gleichzeitig in tausend Theatern tausend verschiedene Stücke gespielt wurden, was einen erbärmlichen Spektakel abgab, den Baukastenspeicher, das Lager musikalischer Instrumente, das Magazin hölzerner Tiere, die Bilderbücherei, den Malkastenboden, den Wachslichtersaal und dergleichen mehr, so dass er ganz ermüdet war, als sie endlich in der großen Marzipanniederlage anlangten.
„Nun wollen wir essen“, sagte Goldflämmchen. Sofort schleppten sechs kleine Konditorburschen in weißen Jacken und Schürzen und breiten, weißen Mützen einen Tisch herbei, deckten ihn und besetzten ihn in großer Geschwindigkeit mit den herrlichsten Gerichten. So etwas hatte der kleine Werner noch niemals vor seinen Schnabel bekommen. Da waren Leipziger Lerchen von Marzipan, inwendig mit Nußcreme gefüllt, Quittenwürste, Schinken von rosigem Schmelzzucker, Pastetchen mit Erdbeermus und unzählige Sorten eingezuckerter Früchte. Dazu tranken sie Ananaslimonade, die mit feinem Vanillecreme bedeckt war, und hinter ihnen standen immer die sechs kleinen Konditorburschen, bereit, auf jeden Wunsch zu springen und das Verlangte zu holen. Zum Nachtisch gab es, wie Goldflämmchen besonders bemerkte, etwas ganz Extrafeines, nämlich trockenes Schwarzbrot und Berliner Kuhkäse. Solche gewöhnlichen Gerichte waren nämlich in diesem Lande so selten und so schwer zu haben, dass sie für die allerschönsten Delikatessen galten. Nach dem Essen wurden die Holzpferde wieder vorgeführt und Goldflämmchen sagte: „So, nun geht's in die Bergwerke!“ Sie stiegen auf und sausten auf den vortrefflichen Tieren zum nächsten Tore hinaus.
Die Bergwerke
Sie ritten durch Felder dahin, auf denen die herrlichsten Früchte und Gemüse wuchsen, die alle aus Marzipan, Schmelzzucker oder Schokolade mit Creme gefüllt bestanden, sie ritten mit sausender Eile durch herrliche Alleen von Obstbäumen auf das Gebirge zu, das teils mit weißen, glänzenden Abhängen, wie Kreidefelsen, teils finster und dunkel, als wenn es aus Basalt bestände, vor ihnen lag. Aber die Kuppen der fast schwarzen Berge waren ebenfalls glänzend weiß, als seien sie beschneit.
„Du denkst wohl, dort liegt Schnee?“ sagte Goldflämmchen. „Wenn es hier schneit, da schneit es nur Streuzucker.“
Endlich sah Werner eine hohe, abgestufte, weißglänzende Felsenwand vor sich liegen, an der Hunderte von Arbeitern in allen Stockwerken mit Pochen und Hämmern fleißig beschäftigt waren. Sie ritten dicht heran und stiegen dann ab. „Dies ist der große Zuckerbruch“, sagte Goldflämmchen. „Diese ganzen Felsen bestehen aus dem schönsten weißen Kolonialzucker.“
Ganz in der Nähe war der Eingang einer Höhle sichtbar, und als sich ihr Werner und Goldflämmchen näherten, liefen eilfertig einige von den Bergleuten herbei, zündeten Fackeln an und leuchteten ihnen. Sie schritten tief in den Berg hinein, die Wände schimmerten und blitzten im Widerschein des Fackellichtes, und plötzlich traten sie hinaus in einen mächtigen Hohlraum, dessen Wände dicht mit riesenhaften Kristallen von durchsichtigem Kandiszucker bedeckt waren und im Lichte der Fackeln prächtig flammten und blitzten.
„Die große Kandishöhle!“ sagte Goldflämmchen. Sie schritten hindurch und kamen an einen Ort, wo die Bergleute fleißig hämmerten und pochten und neue Gänge in das Gebirge trieben.
„Diese suchen nach Schmelzzucker!“ sagte Goldflämmchen. „Der kommt in dieser Gegend in großen Nestern eingesprengt vor. Wenn sie ein solches finden, so holen sie ihn mit großen Löffeln heraus.“
Plötzlich, als sie noch weiter vordrangen, veränderte sich auf einen Schlag das Gebirge, statt weiß und glänzend, sah es matt und dunkelbraun aus und roch nach Vanille. „Wir kommen in die Schokolade!“ erklärte Goldflämmchen.
Hier waren viele Leute geschäftig und hatten wie in einem Salzbergwerk große Hallen herausgebrochen, in denen nur einzelne Pfeiler stehengeblieben waren. Die feinste Vanilleschokolade gab es nämlich nur im Innern des Berges, während der Tagebau draußen bloß Gewürzschokolade lieferte. Als sie dort endlich wieder ins Freie traten, bemerkte Werner einen rauschenden Bach, der aus einer Schlucht des Gebirges hervorkam und dem Tale zuströmte, wo er Mühlen trieb, die die Schokoladenblöcke in Tafeln zersägten.
„Willst du mal trinken?“ fragte Goldflämmchen, „es schmeckt gut, es ist eitel Likör.“ Der kleine Werner hatte einen mächtigen Durst bekommen von den vielen Süßigkeiten, die er genossen und gesehen hatte, und aus dem Bache stieg ein so frischer, verlockender Duft auf, dass er den Becher eilig ergriff, den ihm ein gefälliger Bergmann reichte, und ihn auf einen Zug austrank. Aber kaum hatte er ihn geleert, da fing die Welt an, in höchst sonderbarer Weise um ihn herumzugehen, er sah zwei Goldflämmchen, vier Goldflämmchen, hundert Goldflämmchen, die vor seinen Augen flimmerten und blitzten und schließlich zu einem leuchtenden Schein zusammenflossen, und in diese goldene Flut hinein schwamm seine Besinnung und war weg.
Schluß
Der erste Ton, den der kleine Werner wieder vernahm, war das Zirpen einer Blaumeise. Er bemerkte mit Verwunderung, dass er auf dem Baumstumpf unter der alten Buche saß, vor sich den kleinen Tannenbaum. Die Blaumeise zirpte und hüpfte wie vorhin in den Tannenzweigen, allein Werner verstand nicht mehr, was sie sagte. Dann flog sie empor und verlor sich in dem Gezweige der Buche. Mit Schrecken fiel ihm jetzt ein, dass es bald Abend sein müsse und seine Mutter gewiß schon voller Angst auf ihn gewartet habe. Allein als er nach dem Stande der Sonne blickte, ward er mit Erstaunen gewahr, dass kaum eine Viertelstunde vergangen sein konnte, seit er diesen Ort verlassen hatte. Er konnte sich dies verwunderliche Ding nicht erklären, da er jedoch zu begierig war, seiner Mutter und der kleinen Anna seine sonderbaren Erlebnisse mitzuteilen, so hieb er schnell den Tannenbaum ab und begab sich, so schnell er es mit seiner Last vermochte, nach Hause. Als er hier mit glänzenden Augen und fliegender Hast alles erzählt hatte, ward seine Mutter ganz böse und sagte, er solle sich nicht unterstehen und noch einmal bei solchem Wetter im Walde einschlafen; wenn es nur etwas kälter gewesen wäre, hätte er den Tod davon haben können. Hinterher aber schüttelte sie den Kopf und meinte im stillen: „Wo der Junge nur all das wunderliche Zeug herträumt.“
Anna aber lief dem kleinen Werner, der weinend, dass ihm die Mutter keinen Glauben schenkte, hinausgegangen war, eilends nach und ward nicht müde, ihn auszufragen. Besonders Goldflämmchen und den Puppensaal mußte er immer wieder beschreiben, so dass er ganz getröstet wurde und die Geschichte noch einmal von vorn erzählte. Er mußte sie ihr all die folgenden Tage wer weiß wie oft wiederholen, und einmal gingen beide in den Wald, um den Ort zu suchen, wo der Eingang in das wunderbare Land gewesen war. Allein, ob sie gleich bis an die Stelle vordrangen, wo der kleine Bach aus einer sumpfigen Waldwiese entsprang, nirgends fanden sie einen Ort, der auch nur im mindesten auf die Beschreibung Werners gepaßt hätte, so dass dieser ganz verwirrt und beschämt vor Anna dastand und nicht wußte, wie ihm geschah.
So kam der Weihnachtstag heran. Vorher hatte es zwei Tage mächtig geschneit, so dass die Welt recht weihnachtsmäßig und wie es sein muß, aussah. Es war schon finster geworden, und die Kinder saßen erwartungsvoll in der dunklen Kammer und flüsterten miteinander und horchten auf die Mutter, die in der hellen Weihnachtsstube herumkramte und die kleine dürftige Bescherung aufbaute, da kam es von ferne auf einmal wie Schlittengeklingel näher und näher heran, und dazwischen knallte lustig eine Peitsche. Nun war es ganz nahe, und plötzlich hielt es an, man hörte die Pferde vor dem Hause stampfen und nur leise noch die Schellen klingen, wenn die Tiere den Kopf bewegten.
„Der Weihnachtsmann! Das ist der Weihnachtsmann!“ rief Werner. Nun hörten sie Türen gehen und eine Männerstimme sprechen, und plötzlich rief die Mutter: „Kinder, kommt herein, der Onkel ist da!“
Werner und Anna liefen in die Stube und sahen dort einen Mann in großem Reisepelz, der ihnen beide Hände entgegenstreckte und rief: „Kommt her, liebe Kinder!“ Dann hob er sie einzeln auf und küßte sie und sagte: „Ihr sollt mit mir kommen in die Stadt und bei mir in meinem großen Hause wohnen. Ich will euer Vater sein und euch zu tüchtigen Menschen erziehen.“ Unterdes ging ein riesiger Kutscher mit einer Pelzmütze, einem langen, weißen Bart und einem Mantel mit sieben Kragen immer ab und zu und trug viele große Pakete in die Stube. Als diese später geöffnet wurden, gingen eine Menge der schönsten Dinge daraus hervor, so dass es eine Weihnachtsbescherung gab, wie sie in diesem Hause noch nicht erlebt worden war. Als später Werner und Anna zu Bette gingen, flüsterte er ihr geheimnisvoll zu: „Weißt du, wer der Kutscher war mit der Pelzmütze, dem langen, weißen Bart und dem großen Mantel? – Es war der Weihnachtsmann. Ich habe ihn wohl wiedererkannt, und er hat mir mit den Augen zugezwinkert.“
Wie aber war der alte reiche Onkel, der als ein menschenscheuer Geizhals allein lebte und sich niemals um seine arme Schwester und ihre Kinder gekümmert hatte, zu solcher guten Tat gekommen? Er hat es nachher selbst erzählt. In der Nacht nach dem Tage, an dem Werner den Weihnachtsmann besuchte, hatte der Onkel einen seltsamen Traum gehabt. Ein Mann mit einer blauen Sammetkappe und einem langen, weißen Bart stand, in einen goldenen Talar gehüllt, plötzlich vor ihm, schaute ihn mit mächtigen blauen Augen eine Zeitlang durchdringend an und sprach langsam und nachdrücklich: „Konrad Borodin, hast du eine Schwester?!“ – Da überkam ihn ein solches Gefühl der Angst, dass er nicht zu antworten vermochte. Dann schwand die Erscheinung allmählich hinweg, und nur die Augen waren immer noch drohend auf ihn gerichtet. Diesen Traum hatte er drei Nächte hintereinander gehabt. In der Zwischenzeit wurde er von einer unbeschreiblichen Unruhe in seinem öden und toten Hause umhergetrieben, und immer dröhnte der tiefe, vorwurfsvolle Klang dieser Traumesworte in sein Ohr. Endlich am Morgen nach der dritten Nacht lief er in die Stadt und kaufte zur großen Verwunderung aller Leute, die seinen früheren Geiz kannten, die herrlichsten Dinge zusammen, bestellte einen Schlitten, packte alles hinein und fuhr ohne weiteres zu seiner armen Schwester.
Der kleine Werner hat nachher etwas Tüchtiges gelernt und ist ein berühmter und angesehener Mann geworden. Er hat mir diese Geschichte selbst erzählt.