Adventsgedichte von Karl Gerok

Adventsgedichte, Adventstlyrik, Adventspoesie – Karl Gerok

Adventsgedichte

Advent

Autor: Karl von Gerok

Ich klopfe an zum heiligen Advent
Und stehe vor der Tür.
O selig, wer des Hirten Stimme kennt
Und eilt und öffnet mir!
Ich werde Nachtmahl mit ihm halten,
Ihm Gnade spenden, Licht entfalten.
Der ganze Himmel wird ihm aufgetan:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, da draußen ist’s so kalt
In dieser Winterzeit;
Vom Eise starrt der finstre Tannenwald,
Die Welt ist eingeschneit,
Auch Menschenherzen sind gefroren,
Ich stehe vor verschloss’nen Türen,
Wo ist ein Herz, den Heiland zu empfahn[1]?
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, der Abend ist so traut,
So stille, nah und fern,
Die Erde schläft, vom klaren Himmel schaut
Der lichte Abendstern;
In solchen heil’gen Dämmerstunden
Hat manches Herz mich schon gefunden;
O denk, wie Nikodemus einst getan:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an und bringe nichts als Heil
Und Segen für und für.
Zachäus’ Glück, Marias gutes Teil,
Beschert’ ich gern auch dir,
Wie ich den Jüngern einst beschieden
In finstrer Nacht den süßen Frieden.
So möchte ich dir mit holdem Gruße nah’n;
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, bist, Seele, du zu Haus,
Wenn dein Geliebter pocht?
Blüht mir im Krug ein frischer Blumenstrauß,
Brennt deines Glaubens Docht?
Weißt du, wie man den Freund bewirtet?
Bist du geschürzet und gegürtet?
Bist du bereit, mich bräutlich zu empfah’n[1]?
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, klopft dir dein Herze mit,
Bei meiner Stimme Ton?
Schreckt dich der treusten Mutterliebe Tritt
Wie fernen Donners Droh’n?
O hör’ auf deines Herzens Pochen,
In deiner Brust hat Gott gesprochen:
Wach auf, der Morgen graut, bald kräht der Hahn:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an; sprich nicht: Es ist der Wind,
Er rauscht im dürren Laub.
Dein Heiland ist’s, dein Herr, dein Gott, mein Kind.
O stelle dich nicht taub;
Jetzt komm ich noch im sanftem Sausen,
Doch bald vielleicht im Sturmesbrausen.
O glaub, es ist kein eitler Kinderwahn:
Ich klopfe an.

Ich klopfe an, jetzt bin ich noch dein Gast
Und steh vor deiner Tür,
Einst, Seele, wenn du hier kein Haus mehr hast,
Dann klopfest du bei mir;
Wer hier getan nach meinem Wunsch,
Dem öffn’ ich dort die Friedenspforte,
Wer mich verstieß, dem wird nicht aufgetan;
Ich klopfe an.

[1]Empfahn → veraltete Form des Wortes „empfangen“.

Geburt von Jesus
Geburt von Jesus
Bild von Jo Justino auf Pixabay

Jesus in der Krippe
Jesus in der Krippe
Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Vor Weihnachten

Autor: Karl von Gerok

Die Kindlein sitzen im Zimmer
- Weihnachten ist nicht mehr weit –
bei traulichem Lampenschimmer
und jubeln: „Es schneit, es schneit!“

Das leichte Flockengewimmel,
es schwebt durch die dämmernde Nacht
herunter vom hohen Himmel
vorüber am Fenster so sacht.

Und wo ein Flöckchen im Tanze
den Scheiben vorüberschweift,
da flimmert’s in silbernem Glanze,
vom Lichte der Lampe bestreift.

Die Kindlein sehn’s mit Frohlocken,
sie drängen ans Fenster sich dicht,
sie verfolgen die silbernen Flocken,
die Mutter lächelt und spricht:

„Wisst, Kinder, die Engelein schneidern
im Himmel jetzt früh und spät;
an Puppenbettchen und Kleidern
wird auf Weihnachten genäht.

Da fällt von Säckchen und Röckchen
manch silberner Flitter beiseit,
von Bettchen manch Federflöckchen;
auf Erden sagt man: es schneit.

Und seid ihr lieb und vernünftig,
ist manches für euch auch bestellt;
wer weiß, was Schönes euch künftig
vom Tische der Engelein fällt!“

Die Mutter spricht’s; - vor Entzücken
den Kleinen das Herz da lacht;
sie träumen mit seligen Blicken
hinaus in die zaubrische Nacht.

Winterliches Adventsfenster
Winterliches Adventsfenster
Bild von iPicture auf Pixabay