Herbstgedichte – Nikolaus Lenau

Herbstgedichte, Herbstlyrik, Herbstpoesie von Nikolaus Lenau

Inhaltsverzeichnis

Herbstgedichte

Herbst

Autor: Nikolaus Lenau

I.

Nun ist es Herbst, die Blätter fallen,
den Wald durchbraust des Scheidens Weh;
den Lenz und seine Nachtigallen
versäumt ich auf der wüsten See.

Der Himmel schien so mild, so helle,
verloren ging sein warmes Licht;
es blühte nicht die Meereswelle,
die rohen Winde sangen nicht.

Und mir verging die Jugend traurig,
des Frühlings Wonne blieb versäumt;
der Herbst durchweht mich trennungschaurig,
mein Herz dem Tod entgegenträumt.

II.

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör′ ich Kunde wehen,
daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

Kahler Baum im Herbstnebel
Kahler Baum im Herbstnebel
Gemälde Öl auf Leinwand von Carl Gustav Carus
Public domain, via Wikimedia Commons

Herbstentschluss

Autor: Nikolaus Lenau

Trübe Wolken, Herbstesluft,
Einsam wandl′ ich meine Straßen,
Welkes Laub, kein Vogel ruft -
Ach, wie stille! wie verlassen!

Todeskühl der Winter naht;
Wo sind, Wälder, eure Wonnen?
Fluren, eurer vollen Saat
Goldne Wellen sind verronnen!

Es ist worden kühl und spät,
Nebel auf der Wiese weidet,
Durch die öden Haine weht
Heimweh; - alles flieht und scheidet.

Herz, vernimmst du diesen Klang
Von den felsentstürzten Bächen?
Zeit gewesen wär′ es lang,
Dass wir ernsthaft uns besprächen!

Herz, du hast dir selber oft
Weh getan und hast es andern,
Weil du hast geliebt, gehofft;
Nun ist′s aus, wir müssen wandern!

Auf die Reise will ich fest
Ein dich schliessen und verwahren,
Draußen mag ein linder West
Oder Sturm vorüberfahren;

Dass wir unsern letzten Gang
Schweigsam wandeln und alleine,
Dass auf unserm Grabeshang
Niemand als der Regen weine!

Wanderer über dem Nebelmeer
Wanderer über dem Nebelmeer
Gemälde Öl auf Leinwand von Caspar David Friedrich
Public domain, via Wikimedia Commons