Sommergedichte – Rainer Maria Rilke

Sommergedichte, Sommerlyrik, Sommerpoesie von Rainer Maria Rilke

Inhaltsverzeichnis

Sommergedichte

Sommerabend

Autor: Rainer Maria Rilke

Die große Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber …“
Und wieder dann: „Ich bin so müd …“

Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kleine weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.

Weiße Blüte ener Heckenrose
Weiße Blüte einer Heckenrose
Bild von Ralph auf Pixabay

Städtische Sommernacht

Autor: Rainer Maria Rilke

Unten macht sich aller Abend grauer,
Und das ist schon Nacht, was da als lauer
Lappen sich um die Laternen hängt.
Aber höher, plötzlich ungenauer,

Wird die leere leichte Feuermauer
Eines Hinterhauses in die Schauer
Einer Nacht hinauf gedrängt,
Welche Vollmond hat und nichts als Mond.

Und dann gleitet oben eine Weite
Weiter, welche heil ist und geschont,
Und die Fenster an der ganzen Seite
Werden weiß und unbewohnt.

Vollmond in einer Sommernacht
Vollmond in einer Sommernacht
Bild von unbekannt auf Pixabay

Vor dem Sommerregen

Autor: Rainer Maria Rilke

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark
ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:

so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guss
erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fort getreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.

Parklandschaft vor dem Regen
Parklandschaft vor dem Regen
Bild von Luda Kot auf Pixabay